Herz Jesu

 

K. o. SCHMIDT

 

 

Plotins Lehre vom Einen

 

Mit einem Vorwort

von Felicitas Jung

 

 

FRICK VERLAG GmbH - Postfach 447

D-75104 PFORZHEIM

 

http://www.frickverlag.de/

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort

Geleitwort

 

Teil I: Einführung

 

Wer war Plotin?

Ammonius Saccas

Rom

Lehrtätigkeit

Porphyrius

Letzte Jahre

Plotins Erkenntnisse

Die Enneaden

Wirkung auf die Nachwelt

Plotin und der Deutsche Idealismus

Plotin und die .Gegenwart

Von der Verinnerlichung zur Erleuchtung

 

Tell ll:  Alles ist innen

 

Geheimnis des Menschseins

Seele

Selbsterkenntnis

Spiegel des AIls

Materie und Geist

Wesen des Einen

Bildekraft der Seele

Intuition

Die innere Sonne

 

TeiI III: Alles ist gut

Von der Schönheit

Schauspiel des Lebens.

Vom Wesen des Schicksals

Freiheit

Von Wandel und Wiederkehr

Unsterblichkeit'

Kontemplation

Vom Wesen der Erleuchtung.

 

 

Vorwort

 

Bereits Mitte der siebziger Jahre trug sich K.O. Schmidt mit dem Gedanken, ein "Plotin-Brevier" herauszubringen, in dem er eine summarische Darstellung von Leben und Werk des antiken Philosophen und Mystikers geben wollte. Er war davon überzeugt, daß Plotin gerade uns Heutigen viel zu sagen habe, da er in mancher Hinsicht in einer vergleichbaren Zeit des Umbruchs lebte, wie es die Gegenwart ist.

Obwohl Plotins Name aus dem Alltagswissen fast verschwunden ist und selbst Gebildeten nicht immer bekannt sein dürfte, haben doch seine Philosophie und seine Lebensanschauung durch die Jahrhunderte hindurch die Weltsicht und das Denken unzähliger 'geistiger Größen' beeinflußt - von den ersten Vertretern der christlichen Lehre bis hin zu Philosophen und Schriftstellern der Neuzeit. Angesiedelt am Ausgang der Antike und in einer Zeit des Übergangs, in der sich neue Strömungen zeigten, aber noch nicht durchgesetzt hatten, kann Plotins Lehre (wenn auch und gerade nicht 'christlich' im Sinne eines konfessionellen Verhaftetseins) geradezu als Modell für eine Integration von klassischer Philosophie und urchristlicher bzw. ursprünglicher Religiosität gesehen werden. Auch wenn Plotin selbst sich an dem Vorbild Platons orientierte und in seinem Werk die klassische griechische Philosophie einen letzten großen Höhepunkt erreichte, so daß er von daher wohl kaum zu den Anhängern des jungen Christentums zu zählen ist, gestattet seine Lehre vom Einen doch eine derartige Interpretation. Tatsächlich ist sie auch in dieser Weise verstanden worden. Das liegt nahe, denn indem das Eine, der Geist, als das Absolute und Letzte und als Erste Ursache in den Blick genommen wird, verschwindet alles Trennende und verblassen dogmatische Schranken zur Bedeutungslosigkeit.  So haben denn auch sein Werk und der auf ihm aufbauende Neuplatonismus vor allem der christlichen und der islamischen Mystik entscheidende Impulse gegeben, zugleich aber unterschiedliche philosophische Richtungen und eine Vielzahl bedeutender Schriftsteller beeinflußt. Eine direkte Wirkung Plotins läßt sich vor allem bei den Vertretern des Deutschen Idealismus nachweisen. In jüngster Zeit erfahren zentrale Gedanken seiner Philosophie eine 'Renaissance' in den Anschauungen und Lehren der Neugeist-Bewegung bzw. des Neuen Denkens (New Thought), so etwa bei Unity.

 

Im ersten Teil des vorliegenden Buches gibt K.O. Schmidt einen kurzen Überblick über Leben und Werk Plotins. In den darauffolgenden beiden Teilen setzt er sich ausführlich mit dem Kern seiner Lehre auseinander. AusdrückIich wendet er sich dabei auch an Leser ohne spezifische philosophische Vorkenntnisse; es kommt ihm nicht darauf an, trockenes Fachwissen auszubreiten, sondern es geht ihm darum, einen anschaulichen und nachwirkenden Eindruck von der mystischen Gedankenwelt zu erwecken, die er hier "entfaltet. Er versteht es dabei, dieses große systematische  Werk so lebendig darzustellen und zu vermitteln, daß seine  Gedankengänge unmittelbar nachvollziehbar sind, ohne sie dadurch aus ihrem inneren Zusammenhang zu reißen oder  unzulässig zu vereinfachen.

K.O. Schmidt hat das Erscheinen seines 'Plotin' nicht mehr erlebt. Er verstarb am 21.12.1977. Unvorhergesehene Umstände hatten eine Drucklegung his dahin verzögert das Manuskript blieb unveröffentlicht. Mit der vorliegenden Ausgabe kann jetzt eine Lücke geschlossen werden. Es ist zu wünschen, daß das Werk, das seinem Autor so am Herzen lag, in seinem Sinne wirken und einfühlsame Leser finden möge.

 

Rosrath, im März 1995

Felicitas Jung

 

Geteitwort

 

Der Weis' ist stets in Freud', er wird von nichts betrübt;

Dies Einz'ge kränkt ihn nur: daß Gott nicht wird geliebt.

Angelus Silesius

 

Anregung zu geben auf dem Wege zum Selbst, zur 'Selbst-Ständigkeit', damit sich alles 'von selbst' und 'selbstverständlich' ergebe, damit der Mensch zum glücklichen und seligen Menschen werde, damit er den göttlichen Funken in sich erkenne, ihn zur Flamme entfache und zur Erleuchtung gelange, damit in stetem Wachstum der Mensch seiner Bestimmung zur Gottwerdung nachkomme, - dazu wird das vorliegende Plotin-Brevier seinen Teil beitragen.

Unterzeichneter ist dankbar und glücklich, daß K.O. Schmidt, von dessen Schriften er schon so viele wertvolle Forderung auf dem Wege zum Selbst, zur Seele und zu Gott erfahren hat, es ihm gestattete, in diesem Rahmen, stellvertretend für so viele, denen er half, sich selbst zu helfen, den tiefsten Dank auszusprechen. Wir würden seiner nicht gerecht, wenn wir K.O. Schmidt unter die Eklektiker einreihen wollten, wenn auch auf der Ebene Plutarchs, weil in ihm das "Wort" zum Fleisch wurde, sein ganzes Wesen durchströmt und von ihm ausstrahlt. Ein Weiser und ein wahrer Philosoph ist er, der uns von dem jeweiligen Stand seiner hohen Einsicht und Erkenntnis berichtet.

Nicht am deutschen Wesen wird die Welt genesen, doch daß K. O. Schmidt mitten unter uns weilt und in deutscher Sprache schreibt, darf uns mit Stolz, Freude und Dankbarkeit erfüllen. Ihr verleihen wir am besten dadurch Ausdruck, daß wir, seinem Beispiel folgend, über das Ich und die Nation hinaus zum Selbst, zur Seele, als dem alle Menschen umfassenden Band wachsen und so unserer ureigentlichen Aufgabe und Berufung gerecht werden.

Nehmen wir die Schriften K. O. Schmidts immer wieder zur Hand. Wir erweisen damit uns selbst und unserer Um- und Nachwelt den aIlerbesten Dienst. Auch auf der materiellen Ebene wird sich solcher Umgang auswirken.

"Man kann das Pferd zur Tränke führen, aber trinken muß es seIber."

 

Linz a.d. Donau, im Oktober 1976

Dl: F. Greiner

 

 

Das Buch über Plotin zeigt auf, dass Jesus der Ideengeber alles Guten  ist. Anders und vertiefend hat Er den Inhalt dieses Buches durch Franz Schumi formuliert:

„Die Heilige Dreieinigkeitu.a.: Franz Schumi

 

 

Teil I

 

Einführung

 

" Wer sehen will, muß ein Auge besitzen, das dem wahrzunehmenden Gegenstand verwandt und ähnlich ist.- Nie hätte das Auge je die Sonne erblickt, wenn es nicht seIber sonnenhaft wäre."

                                                                                                                Plotin

 

 

"Wer oder was bin ich? Was kann ich glauben und hoffen? Was solI ich tun?"

Auf diese Fragen reduziert sich, wie Lichtenberg sagt, alles in der Philosophie.

... Aber die letzten gültigen Antworten auf diese Fragen gibt nicht die Philosophie, sondern die Mystik. Keiner hat dies überzeugender dargelegt als der gottentflammte Begründer des Neuplatonismus, Plotin, dessen Wegweisung zur Erleuchtung die religiöse Dynamik des Abendlandes entscheidend bestimmt hat.

Was Plotin als Lehrer des Lebens aus dem Geiste, als Pionier einer Erneuerung und Wiedergeburt des Menschen und der Menschheit von innen her und als Künder der AlIeinheit alIen Lebens in der chaotischen Zeit des Niedergangs des römischen Weltreiches lehrte und vorlebte, ist von einer ungeahnten Aktualität gerade für unsere heutige Zeit gleichen Niedergangs und stürmischen Übergangs zu einem lichteren Zeitalter.

 

Wer war Plotin.

 

Seine Herkunft ist in Dunkel gehüllt. Er wurde um das Jahr 205 n.Chr. in Lykopolis in Ägypten geboren und starb um 270 in Minturnae in Campanien. Über seinen Geburtstag, seine Eltern und seine Jugend in Alexandria war auch seinem späteren Schüler und Biographen Porphyrius nichts bekannt.

Plotin selbst waren solche der vergänglichen Körperlichkeit zugehörenden Äußerlichkeiten unwichtig. In der stürmischen Wendezeit, in der er lebte und in der die Menschen sich nach Sicherheit und Gewißheit, nach Frieden und Erfüllung, nach innerem Halt und nach dem Göttlichen sehnten, war ihm allein die Beantwortung der Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu des Menschen und nach seinem Einswerden mit dem Einen, Höchsten, Absoluten wichtig.

Nach dem Schulbesuch und von der Liebe zur Philosophie ergriffen, machte der junge Plotin sich mit den zahllosen in Alexandria vertretenen weltanschaulichen Meinungen, den Kulten und Mysterienlehren sowie mit den Religionen vertraut - von der Weisheit des Hermes Trismegistos bis zu Pythagoras, von Krishna bis Buddha:

Schon die Lehre des Hermes (um 3000 v.Chr.) verwies ihn auf den Weg nach innen, "den zu beschreiten für die Seele jedoch schwer ist, solange sie noch an den Körper gefesselt ist und von ihm beherrscht wird. Solange die Zeit gegen die Einheit streitet, wird die Seele immer wieder abwärts, erdwärts gezogen."

Die Seele war nach Hermes ein Doppelwesen: "Der von Begierden bewegte Teil der Seele ist sterblich, während der vernunftbegabte gottwärtsstrebende Kern der Seele unsterblich ist. Ebenso ist alles äußere Dasein wandelbar und vergänglich; aber das Sein ist einfach, unwandelbar und ewig."

(Unsere ganze Seele ist unsterblich! Sofern der gefallene Teil noch nicht völlig gereinigt ist, kommt sie nach dem irdischen Ableben aber nicht sofort in Seine Himmel!

Himmlische  GeheimnisseHimmel und Hölle)

 

 

 

Den gleichen Erkenntnissen begegnete Plotin bei Pythagoras (570-497 V.Chr.)  und in der pythagoräischen SchuIe, die auch nach der Auflösung des religiös-philosophischen Bundes der Pythagoräer im 3. Jahrhundert v.Chr. in einzelnen lnitiationsschulen weiterlebte.

Weiter machte Plotin sich in Alexandria, dem damaligen Schmelztiegel aller Rassen, Kulturen und Religionen, auch mit den Lehren von Krishna (3000 v.Chr.), Zarathustra (geb. 568 v.Chr.) und Buddha (560-480 v.Chr.) vertraut, ebenso mit der uralten Lehre von der Metensomatose, der Wiederverkörperung der Seele. (siehe „Die christliche Theosophie“ 141-145. Kapitel)

Dem Beispiel des Pythagoras folgte er durch seine vegetarische Ernährung und ganz auf Verinnerlichung und Vergeistigung gerichtete asketische Lebensweise. Bestätigt fand er seine Erkenntnisse bei dem größten griechischen Philosophen, Platon (428-348 v.Chr.), und in dessen Lehre von den ldeen und von dem Allerwesentlichsten und Höchsten, dem Guten.

 

Ammonius Saccas

 

Doch fand Plotin in alIen philosophischen und religiösen Schulen und Systemen nicht das, was er im Grunde suchte: praktische Wegweisung zu eigener Wirklichkeitserfahrung, die seine erste zarte Berührung mit dem inneren Licht in jener Zeit erklärte und weiterführte. Bei der Suche danach war er inzwischen 28 Jahre alt geworden und bei der Wanderung von Lehrer zu Lehrer schließlich in die Gefahr geraten, zum Skeptiker zu werden...

Da geschah es, daß ein Freund, dem er seine Not klagte, ihm riet, doch den Mystiker Ammonius Saccas zu hören. Daß Plotin diesem Rat folgte, führte zur entscheidenden Wandlung vom Philosophen zum Mystiker. Denn die Darlegungen, die der Neupythagoraer Ammonius (175-242 n.Chr.) seinen Hörern auf offener Straße vermittelte, gaben Plotin den Schlüssel zu seinem eigenen Erleben, wie sein begeisterter Ausspruch zeigt: "Hier ist das, was ich seit je gesucht habe. "

Plotin wurde Schüler des Ammonius und blieb zehn Jahre lang, bis zum Tode seines Lehrers, bei ihm. Während dieser Zeit erreichte er mehrmals das kosmische Bewußtsein des Einsseins mit dem Einen.

Ammonius Saccas, der auch der geistige Lehrer des späteren griechischen Philosophen und Kirchenlehrers Origenes (185-254 n.Chr.) war, hatte selbst keine philosophische  Schule besucht. Er war Lastträger und begann nach dem Erlebnis der Gottschau als genialer Autodidakt seine Erkenntnisse zu verkünden. Plotin nannte ihn mit Recht einen "Theodidaktos": einen gottunmittelbaren inspirierten Lehrer der Gottesweisheit. Als Plotin zu ihm stieß, war Ammonius von einem ständigen Kreis von Schülern umgeben, die er zum Selbstdenken und selbständigen Betreten des Weges zum inneren Licht anleitete.

Als Neupythagoräer war er wie Plotin Vertreter eines ethischen Vegetarismus. Er hat nichts Schriftliches hinterlassen, weil es ihm nicht ums Lehren ging, sondern um das Erwecken des eigenen Erkenntnisvermögens seiner Hörer.

Mit ihm übte sich Plotin ein Jahrzehnt hindurch im 'gemeinsamen Philosophieren' und gegenseitigen Höherleiten zur pythagoräischen Eins, der Gottheit, die Plotin das Eine nennt.

Als Ammonius im 38. Lebensjahr Plotins starb, verließ dieser Alexandria und begab sich auf Wanderschaft mit dem Ziel, seine Erkenntnis nach Möglichkeit in Persien und Indien zu vertiefen und den dafür Aufgeschlossenen zu vermitteln.

Darum schloß Plotin sich dem Feldzug des römischen Kaisers Gordianus III. nach Persien an, der von 233-244 regierte. Doch fand er dort nicht, was er suchte, und gab den Plan auf, nach Indien weiterzureisen. Als dann der Kaiser nach seinem Sieg über die Perser im Jahre 244 von Philippus Arabs ermordet wurde, sah Plotin sich genötigt, sich allein nach Antiochia durchzuschlagen.

Van dort gelangte er schließlich nach Rom.

 

Rom

 

In Rom fand er bald Möglichkeiten, das, was er in sich gefunden hatte, als Weisheitslehrer zu vertreten. Er begann mit der Lehrtätigkeit in aller Stille und sammelte zunächst nur Menschen um sich, die ihm in Freundschaft verbunden waren, ihn verstanden und mit ihm gingen.

Aber die kleine Schar Getreuer wuchs bald zu einer Gemeinschaft heran, der sich bedeutende Römer anschlossen, vor allem aus dem Adel und der Jugend. Dies auch deshalb, weil in Rom einmal die Philosophie noch die Rolle spielte, die später die Religion einnahm, und weil zum andern die Neupythagoräer hier bekannt und angesehen waren. So konnte Plotin schon bald nach seinem ersten Auftreten als philosophischer Lehrer einen ständig wachsenden Hörerkreis um sich scharen.

Hinzu kam, daß er durch seine göttliche Begeisterung und Beredsamkeit die Herzen seiner Hörer entflammte und ihnen Selbstvertrauen und Kraft gab in einer Zeit, in der das Leben in Rom immer chaotischer und unsicherer wurde. Plotin selbst blieb von den stürmischen Wandlungen in seiner Umwelt zeitlebens unberührt, weil ihm nur die inneren Werte wesentlich waren. Sein Leben und Wirken war ganz der Innerlichkeit und der helfenden Hingabe an seine Mitmenschen gewidmet.

Sein Schüler und Biograph Porphyrius berichtet, dass Plotin infolge seiner liebevollen Einsenkung in die Seelen der Menschen, die zu ihm kamen, ein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen besaß, so daß ihm die Wünsche, Absichten und Pläne der anderen unmittelbar bewußt wurden.

Darüber hinaus schien vor seinem hellseherischen Blick auch die Zukunft ihren dunklen Schleier zu verlieren. Er stand deshalb bald in dem Ruf, mit der inneren Welt und höheren geistigen Mächten in Verbindung zu stehen und wie Sokrates einen Schutzgeist zu besitzen, der ihn gegen feindliche Einflusse abschirmte.

Plotin selbst sprach nie über diese Dinge und tat außerdem alles, um dem Aberglauben und der Legendenbildung entgegenzuwirken. Trotzdem wurde bekannt, daß er infolge seiner Hellschau bei einem Diebstahl aus einer Menge heraus durch den bloßen Anblick der Menschen den Dieb benennen konnte, der dann auch gestand.

 

 

Lehrtätigkeit

 

Der Zugang zu Plotins philosophischen Vorträgen und Gesprächen war, wie damals üblich, für jedermann frei, weshalb der Hörerkreis über den Grundstock an Schülern hinaus wuchs, aber auch ständig wechselte. Auch Frauen wurden trotz der untergeordneten Stellung, die sie in Rom innehatten, in den inneren Kreis der Schüler aufgenommen, weil Plotin die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frau neben dem Manne selbstverständlich war. Das Geschlecht gaIt ihm als sekundärer Faktor im Kreislauf der Wiederverkörperungen.

Vor allem aber wandte er sich an die noch unverbildete Jugend. Seine Vorträge wandelten sich oft in Dialoge, in denen er es verstand, Nebensächliches lachelnd abzutun und das Wesentliche herauszuschäIen, so daß es den Hörern unmittelbar einleuchtete. Er suchte sie so zu aktiven Mitforschern bei der Suche nach dem Wesentlichen zu erziehen.

Wie Sokrates entfaltete Plotin in den Dialogen die geistige Hebammenkunst, um seine Schüler zu eigener Wirklichkeitserkenntnis hinzuleiten. Einmal zog sich ein solcher Dialog mit Porphyrius über das Verhältnis der SeeIe zum Körper über drei Tage hin...

Daß er so nachhaltig auf seine Hörer wirkte, war gewiß vor allem eine Folge der göttlichen Begeisterung, die ihn oft sichtlich verklärte. Das Licht, das aus ihm strahlte, erfasste und inspirierte auch viele Hörer und bewirkte, daß seine Schule in Rom schließlich als Hort edelsten Menschentums galt. Während er sprach - so berichtet Porphyrius -, "trat sein Geist sichtbar zutage und erhellte mit seinem Glanz sein Antlitz. Immer anziehend von Anblick, war Plotin in solchen Augenblicken der Begeisterung geradezu schön. Dabei atmete sein Wesen eine milde Menschlichkeit und eine unermüdliche freundlich-aufmerksame Bereitschaft gegenüber den Fragen und Wünschen seiner Hörer."

Gewöhnlich begann er mit einem Zitat von Platon, Sokrates oder Pythagoras, das er dann nach der praktisch-ethischen und mystisch-religiösen Seite hin erläuterte und vertiefte. Und immer wieder wies er darauf bin, wie weitgehend der Alltagsmensch das Bewußtsein für seinen göttlichen Ursprung verloren habe und wie sein Denken und Trachten ihn auf Irrwege und in Sackgassen mißleite, weshalb eine Umkehr und Neueinstellung unerläßlich sei. Erst wenn man zur Einsicht, zur Erkenntnis gelange, werde einem der rechte Weg unmittelbar bewußt.

Dabei strömten Plotin die Inspirationen in solcher Fülle zu, daß seine Hörer seinem Geistesflug oft kaum mehr zu folgen vermochten, so daß er sich wiederholen mußte, um das Gesagte bildhaft zu verdeutlichen und die Hörer an seiner 'theoria', seiner göttlichen Schau, teilhaben zu lassen.

Der Alltagsumwelt gegenüber lehrte er seine Schüler Gelassenheit und Gewöhnung an ein schicksalüberlegenes Leben aus dem Geiste. Dazu gehöre, daß man für den Körper nur so sorge wie der Musiker für sein Instrument, mit dem er sich nicht identifiziere, wie es die meisten aus Unwissenheit taten. Das Leben müsse zum Kunstwerk gestaltet werden. Die mit dem Leben nicht zurechtkommen und es anklagen, so Plotin, "gleichen den Betrachtern eines Gemäldes, dessen Schöpfer sie tadeln, weil die Farben nicht überall gleich leuchten, während der Maler doch Licht und Schatten passend verteilt hat".

Im übrigen gelte es, aktiv und dynamisch zu leben und, wo nötig, "für das Gute mutig zu kämpfen; denn die schlechten Menschen herrschen nur infolge der Feigheit der von ihnen Beherrschten".

Vor allem die jungen Menschen lehrte er die Kunst der Lebensmeisterung durch Bejahung und bewußten Einsatz ihrer eingeborenen Kräfte und Fähigkeiten. Diesen Geist positiver Lebenshaltung atmet auch das Gebet, das er sie lehrte:

"Von jeder Arglist und unangemessenen Betriebsamkeit frei geworden, möge meine Seele sich im Schweigen sammeln und sich gelassen in die Betrachtung des Göttlichen versenken!

Ruhig und entspannt sei mein Körper in dieser Stunde. Gestillt seien die Unruhe und der Unfriede der Welt. Göttlicher Friede senke sich auf alles. Freude und Stille breite  sich über Erde, Luft und Meer, so wie der Himmel selbst Friede ist!

Möge meine gestillte Seele erfahren, wie sich der göttliche Geist in den schweigenden inneren Himmel ergießt! Möge der Friede und das Licht der Gottheit meine Seele erfüllen und mich erleuchten!"

Kein Wunder, daß man Plotin mehr und mehr auch bei Zwistigkeiten römischer Bürger als Berater und Schiedsrichter hinzuzog. Er gewann auf diese Weise viele Freunde, hingegen, wie Porphyrius betont, keinen einzigen Feind.

"Seiner Redlichkeit, Güte und Hilfsbereitschaft wegen brachten viele Bürger vor ihrem Tode ihre Kinder, Knaben wie Mädchen, zu Plotin als einem heiligen göttlichen Hüter und übergaben sie ihm mitsamt ihrer Habe. Infolgedessen war sein Haus ständig voller Jünglinge und Jungfrauen, deren Erziehung er leitete und deren Vermögen er gerecht verwaltete."

Von einem dieser Bürger, dem römischen Senator Rogatianus, berichtet Porphyrius, daß dieser seine Sklaven freiließ, sein Haus verkaufte und auf seine Besitztümer verzichtete. Er gab auch seine Stellung als Prätor auf, um wie Plotin das bedürfnislose Leben eines Philosophen zu führen...Ein üppiges Leben hatte ihn krank gemacht; aber nachdem er zum einfachen Leben übergegangen war, gesundete er vollkommen und bewirkte, daß auch andere Senatoren sich Plotin zuwandten.

Zu Plotins Anhängern zählten nicht nur führende Vertreter der Wissenschaft, Kunst und Literatur, sondern auch solche der Politik und des öffentlichen Lebens wie der Kaiser Gallienus (219-268) und dessen Gattin Salonina, die Plotin als göttlichen Lehrer verehrte. Gallienus neigte Plotin zu, weil er in früheren Jahren in die Mysterien von Eleusus eingeweiht worden war und sich darum zuweilen gern auch bei politischen Entschlüssen von Plotin beraten ließ.

Nur der Vorschlag Plotins, in Campanien eine Philosophenstadt im Geiste Platons als Universitätszentrum zu errichten, fand keine Erfüllung, weil einflußreiche Senatoren in diesem Plan wohl eine Gefahr für die eigene Machtstellung sahen und sich der Verwirklichung widersetzten, ohne allerdings gegen Plotin selbst Stellung zu nehmen.

Das wagte man erst nach dem Tode des Kaisers Gallienus. Doch bot Plotin dazu keine Handhabe, weil er einsam und zurückgezogen lebte und sich in keine politischen Angelegenheiten einmischte. Als sein Schüler Amelius ihn bat, doch wenigstens wie andere Philosophen einem Maler oder Bildhauer zu sitzen, wies Plotin das Ansinnen mit den Worten zurück: ,,Ist es nicht genug, das Schattenbild zu tragen, mit dem die Natur mich umgeben hat? Warum ein Schattenbild dieses Schattenbildes künftigen Zeiten als etwas Sehenswertes hinterlassen?"

 

 

Porphyrius

 

Der schon erwähnte Plotin-Biograph Porphyrius (232-304), der eigentlich Malchus hieß, stammt aus der phönikischen Stadt Tyros an der syrischen Küste. Er war bereits als Schriftsteller hervorgetreten und hatte u.a. den Standpunkt verteidigt, daß es den wahrhaft religiösen Menschen nicht nach äußeren Formen und Formeln, Kulten und Zeremonien verlange, sondern nach einem weisheitsvollen und gottgemäßen Leben.

Porphyrius war ursprünglich Schüler des platonischen Philosophen und Grammatikers Dionysius Cassius Longinus (213-273), der als Kritiker des Neuplatonismus bekannt wurde, aber dessen ungeachtet  Plotin wegen seiner menschlichen Größe und als Mystiker achtete und verehrte, wie sein Bekenntnis zeigt: "Über alles bewundere und liebe ich die klare Schreibweise dieses Mannes, den Scharfsinn seiner Gedanken und die wahrhaft philosophische Ordnung und Art seiner Untersuchung. Ich meine, daß sich nur die Allervortrefflichsten mit der Erforschung seiner Schriften befassen sollten." Er meinte damit, daß letztlich nur Mystiker den Mystiker voll verstehen.

Porphyrius war dann im Jahre 263 über Griechenland nach Rom gekommen, wo er sich Plotin anschloß und sein bedeutendster Schüler wurde. Neben ihm war ein anderer Freund Plotins, Amelius, über zwei Jahrzehnte hindurch Plotins Schüler und Mitarbeiter.

In Plotin erkannte Porphyrius den Wegweiser zum Wesentlichen, der auch ihm zu jener Erleuchtung verhelfen würde, nach der er bisher vergeblich gesucht hatte. Er machte die Sache Plotins zu seiner eigenen. Wie sehr er seinen Lehrer verehrte, machen einige Bemerkungen in seinem biographischen Bericht deutlich:

"Ich habe Plotin nie anders als freundlich und gütig gekannt. Er war stets bemüht, der Gottheit, die er von ganzem Herzen liebte, zu dienen und denen, die nach der Einswerdung mit dem Einen strebten, dazu zu verhelfen. Hochziel seines Lebens war, mit der Gottheit eins zu werden. In den sechs Jahren, die ich bei ihm war, hatte er dieses Erlebnis viermal, und zwar nicht als passives Aufgehen im Licht, sondern als aktive Teilhabe an dem unaussprechlich heiligen Vorgang des Einsseins... Dabei ist ihm wiederholt, wenn er sich mit seinem Denken hinüberhob zu jenem jenseitigen Einen, jener Gott erschienen, der, ohne Form (nein, Jesus hat eine Form; auch die östlichen Meister sprechen von der Einung ohne Form, sie sehen Jesus nur als Meister unter gleichen Meistern, auf der Stufe dieser östlichen Meister hatte Plotin seine Einswerdung), in der geistigen Welt thront, von dem ich, Porphyrius, bekenne, daß ich mich ihm nur einmal (als Sechzigjähriger) nähern und einen konnte, wobei mir, wie Plotin, Gott in der Fülle des Lichts erfahrbar wurde."

Plotin selbst wird ein Brief an Flaccus zugeschrieben, der diese Erfahrung behandelt und, was die Bezugnahme auf die äußeren Verhältnisse seiner Zeit anlangt, in unseren Tagen geschrieben sein konnte:

"... in unserem degenerierten Rom haben wir heute mehr denn je Veranlassung, uns einem Leben der Kontemplation zu weihen. Denn das Tier in uns wird nur durch wachsamkühne Standfestigkeit, die zur Gewohnheit geworden ist, gebändigt...

Sieh mich an: Ich erwarte, des Körpergefängnisses müde, in Ruhe den Heimgang, bei dem die göttliche Seele endlich von der Leibeshülle frei wird. Mich hält hier nichts. Selbst das Schreiben ist mir zuwider. Und wenn ich nicht den Bitten des Porphyrius nachgegeben hätte, würde ich kaum eine Zeile hinterlassen. Denn meine Sorge gilt nicht den äußeren Dingen, sondern allein der geistigen Wirklichkeit, die jenseits der Erscheinungswelt und in uns ist...

Drei Stufen der Erkenntnis gibt es: Meinen, Wissen und Erleuchtung. Die Mittel der ersteren sind die Sinne, das der zweiten ist die Vernunft, das Denkvermögen, das der dritten die Intuition. Diese letztere, der ich die Vernunft unterordne, ist die absolute Erkenntnis, die im Einssein der erkennenden Vernunft mit dem Gegenstand der Erkenntnis gründet...

Damit komme ich zu deiner Frage, wie wir das Unendliche erkennen können. Meine Antwort: Das Unendliche kannst du nur erfassen durch jene Fähigkeit, die höher ist als die Vernunft: durch die Erleuchtung, die du erreichst, wenn du (in Stille und Kontemplation) in einen Zustand übergehst, der jenseits deines vergänglichen Bewusstseins liegt, in welchem sich das Göttliche dir mitteilt. Dieser Zustand ist die Ekstase: das Erwachen zum göttlichen Bewußtsein.

Wenn du dich von ihr ergreifen läßt, bist du mit dem Unendlichen eins. Und in diesem Einssein wird dir die Erkenntnis des Unendlichen EINEN...

Aber dieser Zustand ist nicht von Dauer. Nur selten und für kurze Zeit erreichen wir diese Entrückung jenseits der Schranken der Körperlichkeit. Es gibt verschiedene Wege, die dahin führen: die Liebe zur Schönheit, die Hingabe an den All-Einen, die Beschäftigung mit der Wissenschaft, ferner jene Gebete und Meditationen und jene hingebende Liebe, durch die fromme Seelen von der Läuterung bis zur Erleuchtung und Einswerdung weiterschreiten. Das sind die Wege, die zur Vollendung führen - zu den Höhen göttlichen Bewusstseins, das im Aufgang des inneren Lichts im Grunde der Seele aufstrahlt."

 

 

Letzte Jahre

 

Die zeitlich letzten Niederschriften Plotins lassen spüren, daß er gegen Ende seines Daseins statt einzelner kurzer Berührungen mit dem göttlichen Bewußtsein im Maße des Dahinschwindens seiner Körperhülle häufiger und länger im Glanz des inneren Lichts lebte.

Schon Jahre vorher hatte er sich mit der Heilkunst der römischen Ärzte befaßt und bemängelt, daß diese sich zumeist auf die Behandlung körperlicher Symptome beschränkten. Er hatte versucht, ihnen die Notwendigkeit der Harmonisierung des Seelenlebens als Voraussetzung leiblicher Gesundheit bewußt zu machen.

Einer dieser Ärzte war Eustochius, der sein Schüler wurde und bis zuletzt sein Freund war, aber nicht helfen konnte, als Plotins Sehkraft immer schwächer wurde, so daß Plotin schließlich auch das Schreiben aufgeben mußte. Vielleicht auch verlosch das körperliche Augenlicht am Ende seines Daseins, weil sein Blick völlig auf die innere Sonne gerichtet war...

Aber schon vorher hatte eine unheilbare Krankheit - wahrscheinlich Lepra -, die sein Gesicht entstellte und zu Geschwüren an Händen und Füßen führte, ihn gezwungen, seine Lehrtätigkeit einzustellen und Rom zu verlassen. Kurz vorher war sein Gönner, Kaiser Gallienus, ermordet worden und der Kreis seiner Anhänger im Senat zusammengeschmolzen. Porphyrius war im Jahre 268 nach Sizilien gegangen, von wo aus er aber weiter mit Plotin in Verbindung blieb und die ihm gesandten Arbeiten Plotins abschrieb. Amelius war nach Syrien zurückgekehrt...

Plotin zog sich auf das Gut eines Freundes in Campanien zurück, wo er seine letzten Betrachtungen über Fragen der Kontemplation und der Heimkehr zu Gott niederschrieb, die er Porphyrius sandte. Die letzten Monate vor seinem Heimgang verbrachte er in völliger Einsamkeit und Abgeschiedenheit mit der gelassenen Erfüllung der Aufgabe, das, was er gelehrt hatte, bis zum Ende zu leben, indem er sich über den krankheitsbedingten Zerfall des Körpers erhob und die Loslösung von allem ihm noch anhaftenden Vergänglichen schweigend zu Ende führte.

Er hieß den Tod als Befreier willkommen, um sich ganz dem Göttlichen hinzugeben... Als dann unmittelbar vor seinem Heimgang sein Freund, der Arzt Eustochius, zu ihm eilte, hieß er ihn willkommen: "Nur auf dich habe ich noch gewartet, um das Göttliche in mir zum Göttlichen im All hinaufzuführen." - Mit diesen Worten verschied er, ein Freigewordener, in den Armen des Freundes.

 

 

Plotins Erkenntnisse

 

Mehr als der Lebensbericht seines Schülers Porphyrius erweisen seine Schriften Plotin als einen Meister geistiger Zusammenschau, intuitiver Einsicht, Übersicht und Allsicht.

Er erfaßte die Tatsachen und Zusammenhänge des Lebens und Seins nicht mittelbar, intellektuell, sondern unmittelbar, durch Innenschau, und gelangte so schon früh vom Wissen zur Gewißheit und von der Gewißheit zu allumfassender Weisheit.

Kern seiner Wirklichkeitsschau ist die Erkenntnis, dass das Höchste das EINE und URGUTE ist, die absolute Gottheit, die der größte Weise des Ostens, Laotse, TAO nannte. Aus ihm entsprang der göttliche Allgeist, aus diesem die Weltseele, aus der wiederum die Einzelseelen hervorgingen. Niederste Stufe in dieser Evolutionskette ist die Materie als schwächstes Abbild der göttlichen Wirklichkeit und Vollkommenheit.

(Siehe:

Jakob Lorber: 'Haushaltung Gottes', Band 1; Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis zur geistigen und zivilisatorischen Urgeschichte der Menschheit nach Adam bis nach der Sündflut. Wörtliche Diktate Jesu an Jakob Lorber.
www.j-lorber.de/jl/hag1/0-hag1.htm)

 

Ziel aller Seelen ist das Freiwerden von der Stoffgebundenheit und die Rückkehr zum Göttlichen, zum Einssein mit dem Einen.

Plotins Allschau geht von der Ganzheit des Universums aus, in der Welt und Überwelt, Diesseits und Jenseits, Materie und Geist, Mensch und Gott nicht voneinander getrennt, sondern im Letzten ewig unauflöslich miteinander verbunden und eins sind.

Beim Menschen unterscheidet er die Dreieinheit von Geist, Seele und Leib. Absolute Wirklichkeit besitzt im Universum nur das Eine, im Menschen nur der Geist. Die Sinnenwelt ist trugvoller Spiegel oder Schattenbild der transzendentalen Wirklichkeit. Der Geist ist das Primäre, die SeeIe Mittler zwischen Geistes- und Körperwelt. Der Geist hat nur ein Ziel: die Gottheit, und nur eine Aufgabe: die Vergottung, die auf dem Stufenweg zur Erleuchtung erreicht wird.

Plotin ging von der Philosophie aus und gelangte von ihr zur Mystik. Als Mystiker ist er Pan-en-theist und Pandynamiker. Der Weg der Mystik ist für ihn der aktivste, vitalste, kraftvollste und zugleich sicherste Pfad zur Wirklichkeit, den es gibt. Die Philosophie interessiert ihn nur, soweit sie als Unterbau und als Ansporn zum Beschreiten des Lichtwegs der Mystik zu dienen vermag.

Die Sinnenwelt ist nur schwacher Abglanz der Innenwelt, Spiegel des Ewigen, Göttlichen, das in ihr aufgegangen ist, um aus ihr, sich selbst offenbarend, zu sich selbst zurückzukehren. Dieser göttlichen Herkunft wegen ist die Welt trotz ihrer Trughaftigkeit schön. Doch was in ihr Traum, Ideal und Hoffnung bleibt, ist in der geistigen Welt Wirklichkeit. Und zu dieser geistigen Welt erschließt sich der Zugang nur dem geistigen Menschen, dessen Denken und Trachten einwärts gewandt ist und der sich seiner Einheit mit dem Einen bewußt geworden ist.

Die Seele steht in der Stufenfolge des Seienden in der Mitte. Sie ist durch den Geist mit dem Überseienden verbunden, durch Körper und Bewußtsein mit dem Nichtseienden, der raumzeitlichen Natur. Soweit sie sich an die Natur und Körperlichkeit hingibt, ist sie selbst raumzeitlich gebunden und insoweit vergänglich. Aber mit ihrem eigentlichen Wesen bleibt sie Bürger der geistigen Welt und aufgrund dessen essentiell unvergänglich.

Die Seele

Der Geist ist das wahrhaft Seiende. Er ist zeitlos, ist Träger der Einheit in der Vielheit. Er wohnt im Licht. In ihm findet die Seele ihre Glückseligkeit, die mitten in der Welt erfahren werden kann. Dazu ist es nicht nötig, daß man sich gegen die Welt und die Übel in der Welt wendet: "Strebet weniger danach, vom Schlechten loszukommen, als danach, zum Guten hinzufinden und das Höchste und Edelste, das die Seele zu ergreifen vermag, zu erlangen. Wenn das erreicht ist, ist alles gewonnen."

Plotin geht es um die Heimkehr der einsamen Seele in die Einsamkeit der Allseele der Gottheit. Die Seele ist darauf angelegt und dazu befähigt. Sie ist ihrem Wesen nach 'dynamis ': tätige göttliche Kraft. Sie muß es nur erkennen, indem sie den Weg zur Einheit geht.

Es ist der gleiche Weg, den in Indien Krishna und Buddha, in Persien Zarathustra, in Palastina Jesus Christus mit seinem "Ich und der Vater sind eins" und im Fernen Osten Laotse mit seiner Botschaft vom TAO und TEH gingen, wobei Tao und Teh völlig mit Plotins Begriff des Einen und Guten übereinstimmt.

(Achtung: Jesus ist mehr als die vorstehend genannten Personen:

Jesus ist der Gottvater)

 

 

Die Enneaden

(Vollständiger Text im Web)

Es ist Porphyrius zu danken, daß die Schriften Plotins der Nachwelt erhalten blieben. Einen Teil derselben, der dem inneren Kreis seiner Schüler zugänglich war, hatte Plotin bereits zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr aufgezeichnet. Einen weiteren Teil schrieb er erst auf Drängen von Porphyrius während dessen Schülerzeit nieder. Den Rest sandte er Porphyrius während dessen Abwesenheit in Sizilien zur Reinschrift.

Aber Plotin mußte oft gedrängt werden, da er seine Gedanken ungern schriftlich festlegte. Und auch das geschah erst, nachdem er einen Gedankengang von Anfang bis Ende übersah, so daß er ihn in einem Zug gestrafft fixieren konnte. Er wird schon wegen der Schwäche seiner Augen bedauert haben, daß ihm die Kenntnis der Kurzschrift abging, die doch schon fast dreihundert Jahre vorher Marcus Tullius Tiro, ein Freigelassener und Freund Ciceros, als dessen Schreiber und Stenograph erfunden hatte. So sah Plotin sich genötigt, seine Gedanken in komprimierter Form, mit so wenig Worten wie möglich, abzufassen, weshalb seine Betrachtungen, trotz häufiger Wiederholungen, "reicher an Gedanken als an Worten" sind und beim Leser die Fähigkeit der Einfühlung voraussetzen.

Lektüre und Verständnis wurden allerdings auch dadurch erschwert, daß Porphyrius aus einer bei ihm als Pythagoräer verständlichen Neigung zur Zahlenmystik die 54 Abhandlungen Plotins oft recht willkürlich auf sechs Enneaden (d.i. 'Neuner-Bücher') verteilte, wobei er manche Betrachtungen auseinanderriß.

So kam es, daß Gedankengänge des Mystikers über Einzelfragen wie das Geheimnis des Menschseins, den geistigen Urgrund der Welt, die Intuition, die Liebe, die Schönheit, die Vorsehung, das SchicksaI, die Kontemplation, die Unsterblichkeit, die AlIharmonie, die Erleuchtung, den Aufstieg der Seele zu Gott, die göttliche Schau, das Leben im Licht und das Einssein mit dem Einen zuweilen jäh abgerissen erscheinen, um an anderer StelIe ihre Fortsetzung zu finden.

Für Porphyrius war die Aufgabe an sich schon nicht leicht, weil Plotins Schrift schwer lesbar war und weil seine Darlegungen mit Dialogen durchsetzt waren, die Plotin mit Schülern führte. Das erschwerte die Lektüre der Enneaden weiter und führte dazu, daß Plotin von späteren Philosophen oft mißverstanden oder übersehen wurde. Aber die Kerngedanken schimmern trotzdem in ihrer ursprüngIichen Schönheit hindurch, die man, wie sich zeigen wird, in zwei Thesen zusammenfassen konnte: Alles ist innen! und: Alles ist gut!

Wer sich oft in Meditation und Kontemplation einwärts wendet und das Gute denkt, bejaht und tut, ist nach Plotin dem Göttlichen nahe. Wenn die Seele den Einfluß des Guten empfindet und sich dem Einen nähert, wird sie entrückt und verzückt. Sie erlebt dann den Unendlichen Geist des Guten aIs den schöpferischen UrquelI, aus dem aIles Leben entsprang und zu dem zurückzukehren sich aIles sehnt. Daß diese Heimkehr jedem Wesen möglich ist, weil aIles innen ist, das ist die befreiende Botschaft Plotins.

 

 

Wirkung auf die Nachwelt

 

Nach dem Heimgang Plotins wurden die Enneaden immer wieder abgeschrieben und weiterverbreitet. Sie übten nicht nur wachsenden Einfluß auf die weitere Entwicklung der griechischen und römischen Philosophie und der christlichen Glaubenslehre aus, sondern auch auf die der arabischen Philosophie und Mystik. Ihr Einfluß ist im Koran Mohammeds ebenso spürbar wie in den Lehren der großen Sufis und mancher arabischen Philosophen.

Auch die Lehre der jungen Christenheit über Ekstase und Gottschau geht zum Teil auf Plotin zurück. Was dieser über die von ihm mehrfach erfahrene mystische Entrückung berichtete, entspricht dem, was Paulus im 2. Brief an die Korinther (3,18; 4,6, 16-18) schrieb:

"... Nun aber spiegelt sich in uns alIen des Herrn Klarheit mit aufgedecktem Gesichte, und wir werden verklärt in dasselbige Bild von einer Klarheit zu der anderen, aIs vom Herrn, der der Geist ist... Denn Gott, der da hieß das Licht aus der Finsternis hervorleuchten, hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, daß durch uns entstünde die Erleuchtung von der Erkenntnis der Klarheit [Lichtheit] Gottes in dem Angesichte Jesu Christi... Darum werden wir nicht müde, sondern ob unser äußerer Mensch verdirbet, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsere TrübsaI, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig."

Was Wunder, daß in den Schriften der Kirchenväter und der großen Denker der Christenheit der folgenden Jahrhunderte eine sichtbare Übereinstimmung ihrer Lehren mit den Erkenntnissen Plotins zutage tritt.

Einige wenige Beispiele: Der griechische Kirchenschriftsteller Origenes (185-254), Schüler des Clemens von Alexandria, war bereits Schüler des Ammonius Saccas und von daher für Plotins Mystik aufgeschlossen, die sich in seiner Lehre widerspiegelt. Gleiches gilt für den 'Vater der christlichen Kirchengeschichtsschreibung', Eusebius von Casarea (260-329 n.Chr.), der über Origenes mit Plotins Gedanken vertraut wurde und großen Einfluß auf die Gestaltung der Evangeliumstexte hatte. Der Heilige Hieronymus (345-420) wurde durch die Schriften des Origenes mit den Gedanken Plotins bekannt, die überall in seinen Bibelkommentaren aufleuchten. Ähnliches läßt sich von dem um 394 n.Chr. verstorbenen, ebenfalls von Origenes und Plotin inspirierten Kirchenvater Gregor von Nyssa sagen, dem jüngeren Bruder des Heiligen Basilius (330-379). Großen Einfluß auf die Gestaltung der christlichen Lehre hatte auch der griechische Neuplatoniker und Leiter der Athener Akademie Proklus (410-485), der Plotins These, daß alles ethische und geistige Streben des Menschen auf die Rückkehr zum Einen und Höchsten zielt, weiter ausgestaltete.

Am deutlichsten aber spiegelt sich Plotins Geist wohl in dem größten Denker des christlichen Abendlandes, in dem Heiligen Aurelius Augustinus (354-430), der erst durch die Lektüre der Enneaden Plotins zum Christentum fand. Er nannte Plotin "den edelsten Philosophen der Menschheit", dem er sich durch die gleiche Gottschau verwandt und verbunden fühlte. Bekannt ist sein Ausspruch "Die Lehre des Platon, die reinste und schönste in der Philosophie, hat die Wolken des Irrtums zerstreut und lebt in ungebrochener Klarheit in Plotin weiter. Doch angesichts der zwischen ihnen liegenden sechs Jahrhunderte konnte man eher sagen, daß sich Platon in Plotin wiederverkörpert habe. "

Im "Gottesstaat" schrieb Augustin im Blick auf Plotin: "Die Schau Gottes ist eine so wunderbare Vision und so über alles wünschenswert, daß Plotin ohne Zaudern erklärt, daß, wer alle anderen Segnungen im Überfluß besitze, aber dieses eine nicht habe, in Wirklichkeit arm sei."

In seinen "Bekenntnissen" berichtet Augustin, welchen Einfluß Plotin auf seine eigene Hinwendung und Bekehrung zum Christentum hatte. Was er unter Berufung auf Plotin über die Göttlichkeit der Seele, über das Böse aIs das Nicht-Gute und über die Natur Gottes ausführt, wurde zum festen Bestandteil der kirchlichen Lehre.

Weiter sei in der langen Reihe der großen geistigen Lehrer jener Zeit noch der römische Philosoph und Staatsmann Boethius (480-524) genannt, der in seinen Schriften die antike Philosophie zusammenfaßte und aIs Theologe von ihr zum christlichen Glauben überleitete. Im weiteren waren es dann die großen christlichen Mystiker, deren Botschaften weithin mit der Gedankenwelt Plotins übereinstimmen.

Das gilt auch für den größten deutschen Glaubensmeister, Eckehart (1260-1328), der mit Plotins Gedankenwelt vertraut war und seinerseits viele spätere Mystiker inspirierte. 1492 gab der italienische Arzt, Philosoph und Mystiker Marsilius Ficinus (1433-1499), Lehrer des Papstes Pius X. und Haupt der Florentinischen Platonischen Akademie, in Florenz aIs erster eine lateinische Übertragung der Enneaden Plotins heraus, die die Ausbreitung der Gedanken Plotins wesentlich förderte. Ficinus wies in seinen eigenen religiosen Schriften die Übereinstimmung des Neuplatonismus mit der christlichen Lehre auf. Ihm zufolge führt eine gerade Linie von Hermes und Zarathustra über Platon und Plotin zum Christentum.

Vermutlich war Spinola (1632-1677), der Philosoph des Rationalismus, mit dieser Übersetzung der Enneaden vertraut, als er die Gesetze des Seienden aus dem göttlichen Wesen ableitete und lehrte, alles im Lichte der Ewigkeit zu sehen und sich der Freiheit des Menschen im Maße seiner kontemplativen Hingabe an das Göttliche bewußt zu werden. Spinoza war wie Plotin Pan-en-theist und beeinflußte seinerseits Goethe, Schelling, Lessing, Schopenhauer und viele andere kongeniale Dichter und Philosophen.

Auch in der Philosophie von Leibniz (1646-1716), der wiederum entscheidenden Einfluß auf den Deutschen Idealismus hatte, finden sich viele Parallelen zum Pandynamismus Plotins, vor allem in seiner Monadenlehre, in seiner Hypothese der prästabilierten Harmonie bzw. seiner  Lehre, daß die Übel der Welt durch die Harmonie des Ganzen ihren Ausgleich fanden. Schon vorher, 1580, war eine erste gedruckte Ausgabe des griechischen Textes der Enneaden in Basel erschienen.

 

 

Ptotin und der Deutsche Idealismus

 

In besonderem Maße hat die Gedankenwelt Plotins die großen Vertreter des Deutschen ldealismus befruchtet, der von Kant (um 1780) bis Hegel (um 1830) reicht und durch Namen wie Herder, Fichte, Schelling, Schleiermacher, Krause, Novalis, Schiller und Goethe gekennzeichnet ist.

Auf Einzelheiten einzugehen, würde zu weit führen. Bei Schelling ist die Bezugnahme auf die Mystik Plotins besonders deutlich. Novalis, der Plotin schon um 1797 las, sprach von seinem "lieben Plotin", den er mit Fichte verglich. Plotinisch ist sein Satz vom Weg des Menschen: "Wo geh´n wir denn bin? Immer nach Hause." Der Mensch ist immer, ob es ihm bewußt ist oder nicht, auf dem Heimweg zum Göttlichen.

Wie sehr auch Plotins Gedanken über die Wiederverkörperung die deutschen Dichter und Denker jener Zeit angesprochen haben, macht eine Vielzahl von Zitaten deutlich, die in anderem Zusammenhang wiedergegeben sind.

Wie weitgehend der junge Schiller von Plotin inspiriert wurde, hat Franz Koch nachgewiesen ("Schillers philosophische Schriften und Plotin", Leipzig 1926). Dieser Einfluß ist vor allem in Schillers "Theosophie des Julius" unverkennbar. Ganz plotinisch sind Thesen Schillers wie diese: "Die Anlage zur Gottheit trägt der Mensch unwidersprechlich in seiner Persönlichkeit in sich" und "Gott-Gleichheit ist die Bestimmung des Menschen".(Ebenbild!)

Von Goethe ist bekannt, daß er sich die lateinische Ausgabe der Enneaden im August 1805 von dem Philologen Friedrich August Wolf (1759-1824) übersenden ließ. Wie Franz Koch in seiner Arbeit "Goethe und Plotin" (Leipzig 1925) ausführlich darlegt, war Goethe von Jugend auf mit der Gedankenwelt Plotins bekannt. Nur die Mystik Plotins blieb ihm fremd. Er beschränkte sich darum bei der Beschäftigung mit den Geheimnissen der organischen Natur auf den Wunsch, daß wir wenigstens "so nahe an die Schwelle gerückt werden, wo wir in das Herz der Gottheit hineinblicken dürfen, ohne zu erblinden". Goethe unterstreicht jedoch die Bedeutung der Gedanken Plotins für seine wie für unsere Zeit:

" Wir leben in einer Zeit, wo wir uns täglich angeregt fühlen, die beiden Welten, denen wir angehören, die obere und die untere, als verbunden zu betrachten, das Ideelle im Reellen anzuerkennen und unser jeweiliges Mißbehagen mit dem Endlichen durch Erhebung ins Unendliche zu beschwichtigen. Die großen Vorteile, die dadurch zu gewinnen sind, wissen wir unter den mannigfältigsten Umständen zu schätzen und sie besonders auch den Wissenschaften und Künsten mit kluger Tätigkeit zuzuwenden."

Weiter sagt Goethe:

"Kein organisches Wesen ist ganz der Idee, die ihm zugrundeliegt, entsprechend; hinter jedem steht die höhere Idee. Das ist mein Gott, das ist der Gott, den wir alle ewig suchen und zu erschauen hoffen. Aber wir können ihn nur ahnen, nicht schauen."

Goethe wußte jedoch, daß Plotin geschaut hatte, was ihm selbst versagt blieb.

Im "Wilhelm Meister" sagt er in Anlehnung an Gedanken Plotins:

"Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall ( falsch )gebildet. Die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins, das ZufäIlige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nützen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt zu werden."

Mit seinem Wort ,,Im Innern ist ein Universum auch" gibt Goethe dem Bewußtsein der Einheit von Mikro- und Makrokosmos Ausdruck. Auch in der Formulierung, daß "unser Geist mit den tieferliegenden Kräften der Natur in Harmonie steht", spiegelt sich Plotins Erkenntnis, daß alles innen ist; ebenso in den Versen:

"So im Kleinen wie im Großen wirkt Natur, wirkt Menschengeist - und beide sind ein Abglanz jenes Urlichts droben, das unsichtbar aIle Welt erleuchtet."

Ebenso kehrt Plotins Erkenntnis in Goethes Ausspruch wieder:

 

"Wär' nicht das Auge sonnenhaft,

wie könnten wir das Licht erblicken?

Lebt' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,

wie könnt' uns Göttliches entzücken!"

 

Und Plotins These von der Doppelgestalt der Seele gibt Goethe die bekannte Form:

 

"Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,

Die eine will sich von der andern trennen:

Die eine häIt in derber Liebeslust

sich an die Welt mit klammernden Organen;

die andre hebt gewaltsam sich vom Dust

zu den Gefilden hoher Ahnen",

 

und ebenso spiegelt sich Plotins All-Einheits-Lehre in vielen anderen Worten Goethes, etwa in diesem

 

"Ewig wird er euch sein der Eine,

der sich in viele teilt,

und Einer doch, ewig der Einzige bleibt.

Findet im Einen die Vielen, empfindet die

Vielen wie Einen,

und ihr habt den Beginn, habt das Ende

der Kunst"

-        der königlichen Kunst der Wirklichkeitserkenntnis.

 

 

 Zum Mikrokosmos

 

 

Plotin und die Gegenwart

 

 

Unter den neueren Philosophen hat sich auch Arthur Schopenhauer von Plotin inspirieren lassen. In "Die Welt als Wille und Vorstellung" vergleicht er Plotins Gedanken sowohl mit denen der Upanishaden und der Sufis als auch mit denen deutscher Mystiker wie Angelus Silesius und Meister Eckehart. In "Parerga und Paralipomena" hebt er in seiner "Skizze einer Geschichte der Lehre vom ldealen und Realen" auf Plotin ab, den er den "wichtigsten von alIen Neuplatonikern" nennt, wenn er auch zugleich meint, Plotins Gedanken seien ungeordnet und weitschweifig. Schopenhauer wurde ihm mit dieser Ansicht nicht gerecht, weil Mystik für ihn kein Gegenstand eigener Erfahrung war. Er räumt aber ein, daß sich bei Plotin "große und tiefsinnige Weisheiten finden, daher er durchaus gelesen zu werden verdient und die hierzu erforderliche Geduld reich belohnt". Weil Schopenhauer in Plotin nicht den aus sich selbst schöpfenden Mystiker sah, meinte er, dieser sei "kein Selbstdenker, sondern trage indo-ägyptische Weisheit vor". Andererseits erkennt er an, daß bei Plotin wahrscheinlich zum erstenmal in der okzidentalischen Philosophie der dem Orient längst vertraute ldealismus zu Wort komme und auch die Idealität der Zeit angesprochen werde. Er rühmt Plotins Erkenntnis, "daß wir in unserem zeitlichen Zustande nicht sind, was wir sein sollen und sein möchten, daher wir von der Zukunft stets das Bessere erwarten und der Erfüllung unseres Mangels entgegensehen dürfen".

Im Gegensatz zu Schopenhauer war es die Begründerin der Theosophischen Bewegung, H. P. Blavatsky, die in ihrer "Geheimlehre" und in "Isis entschleiert" Plotins Erwachen zum kosmischen Bewußtsein mit dessen eigenen Worten hervorhob als "Befreiung der Seele vom vergänglichen Ich-Bewußtsein, wenn er [der Mensch, Anm. d. Hrsg.] eins wird und sich identifiziert mit dem All-Bewußtsein Gottes". Sie verwies auf Proklus, der ähnlich wie Plotin sechsmal die göttliche Schau und die Einswerdung mit dem Einen erlebte, weiter auf Apollonius von Tyana, der sie viermal erreichte, und auf andere Mystiker. In dieser Einswerdung erkenne der Mensch sich als Inkarnation des göttlichen Geistes. Plotin nennt sie einen "Theodidaktos", einen Gotteslehrer, und, wie seine Vorgänger von Hermes bis Pythagoras, einen Meister der Gottesweisheit, dessen Erkenntnisse sich mit denen des Vedanta und des Buddha weithin deckten (auf der Stufe des Geburts- oder Weisheitsgeistes).

Wenn wir nach dieser Abschweifung auf die großen Denker der Gegenwart blicken, die sich mit Plotin befaßten, sehen wir von denen ab, die der Mystik verständnislos gegenüberstehen und Plotin darum nicht gerecht zu werden vermögen.

Auch von denen, die der Gedankenwelt Plotins zustimmen, seien dabei nur einige wenige herausgegriffen.

Zu diesen gehört der Kultur- und Religionsphilosoph Rudolf Eucken (1846-1926), der in seinen "Lebensanschauungen der großen Denker" (1890) darlegt, wie weitgehend die christliche Theologie von Plotin beeinflußt ist.

In besonderem Maße befaßte sich der Psychologe und Philosoph Wilhelm Wundt (1832-1920) in seinen "Studien zur Geschichte des Neuplatonismus" (Leipzig 1919) mit dem großen Mystiker. Das Wesentliche ist nach ihm Plotins Mahnung zur Verinnerlichung, denn "nur auf dem Wege in ihr eigenes Inneres findet die Seele ihr Ziel... indem die Seele sich zu sich seIber hinlebt, wird sie Geist, und im Geist findet sie das Seiende." ( Treffender: indem wir unsere Seelenaugen auf unser Seelenherz richten, finden wir Jesus, der das Seiende, unser Schöpfer ist) Jedoch ging auch Wundt nicht auf den praktischen Weg dorthin, den Pfad der Erleuchtung, ein. Er bleibt im Philologisch-Philosophischen stecken und versäumt den entscheidenden Schritt zur Mystik und zur Entfaltung der eigenen göttlichen Kräfte (aus Jesus) der Seele. Er begnügt sich am Ende mit der Feststellung, daß, wer in das Leben des Geistes eintaucht, "vom inneren Licht durchleuchtet wird... Dieses Licht kommt nach Plotin von Gott und ist Er selbst. Alsdann darf man an seine Gegenwart glauben, wenn er wie ein Gott in das Haus des Beters tritt und es erleuchtet. Das ist das wahre Ziel der Seele, jenes Licht zu ergreifen."

Unter den modernen Existenzphilosophen hat der 1883 geborene Karl Jaspers in seinem Werk "Die großen Philosophen" (Bd. I, 1957) Plotin als einen jener "aus dem Ursprung denkenden Metaphysiker" gewürdigt, die uns "Möglichkeiten transzendentaler Vergewisserung des Unbedingten" geben. Das Denken der Metaphysiker sei "ein Tun, das dem Gebet verwandt ist. Diese Meditation bringt den Menschen in Berührung mit dem Grund des Seins." Im Blick auf Plotin fährt er fort: "Seine wunderbare Ruhe gewinnt er dadurch, daß die Seele sich bewußt wird, im Kern unberührbar, unverderblich, unsterblich zu sein. Bringt die SeeIe ihre Reinheit sich zum Bewußtsein und zur Auswirkung, so ist sie unbetroffen von allem in der Welt, weil sie sich anderswo zu Hause weiß."

(Seelenreinigung )

Kein Philosoph hat Jaspers zufolge "mehr als Plotin im EINEN gelebt. Die Seele flieht mit dem Einen in ihr zum Einzig-Einen (im All). Dieses philosophische Sich-Hinbewegen zur Gottheit ist Gebet."

Die Enneaden nennt Jaspers "ein unüberbotenes Zeugnis für die ursprüngliche Erfahrung der Teilnahme am absoluten Bewußtsein". Dabei gehe diese Erfahrung nicht mit einer Bewußtseinstrübung einher wie der Rausch. Sie sei keine sinnliche Euphorie, die wieder verschwindet, sondern eine Schau, bei der die Zugehörigkeit zur Höheren Welt nicht mehr als Glaube, sondern als die Wirklichkeit dieser Welt seIber gegenwärtig ist. "Jener Zustand erfährt sich seIber als Erwachen aus der gewöhnlichen Trübung des Daseins zu einem anderen Sein, in dem ich über mich als zeitlichräumlich und denkend erfahrenes Dasein hinausgelange."

Jaspers bejaht, daß, was Plotin über seine Erfahrung der Erleuchtung aussagt, "der sinnvolle Gipfel seines gesamten Daseins ist", und fährt fort: "Der Mensch ist der Möglichkeit nach alles. Daher erscheint in der Vergegenwärtigung seiner Erkenntnisstufen die Reihe der Seinsstufen vom Nichtsein der Materie bis zum Übersein des Einen."

Doch berührt auch Jaspers als Nichtmystiker nicht den Kern dieser Erfahrung. Für ihn bleibt das Erlebnis der Gottschau letztlich eine abstrakte philosophische Spekulation. Darum begreift er auch nicht so recht die Allgelassenheit des Mystikers, seine Überlegenheit den Grenzsituationen, dem Leiden und dem Tode gegenüber, der bei Plotin "seiner Unerbittlichkeit beraubt ist, wenn durch ihn nur ein Szenenwechsel stattfindet. Dann geht das Gewicht verloren, das auf diesem gegenwärtigen Leben als dem einmalig einzigen liegt. Weil die Seele einerseits unberührt ist, andererseits sich im RoIlenwechsel der Seelenwanderung bewegt, haben Leben und Tod ihren Ernst verloren."

Diese Sicht ist diesseitig-einseitig. Das gegenwärtige Dasein ist gewiß einmalig in seinem Ablauf, aber nicht das einzige Leben der Seele. Ihr Weg führt über viele Daseinsformen aufwärts; lichtwärts, gottwärts - von Erkenntnis zu Erkenntnis und zu immer höheren VoIlkommenheiten.

Im Gegensatz zu Jaspers befaßte sich Oskar Söhngen (in "Das mystische Erlebnis in Plotins Weltanschauung", Leipzig 1923) mit Plotins göttlicher Schau. Er sah in Plotin einen "Gottsucher, der aufs Ganze geht, der durchgottet zu werden strebt". Was sich dabei dem Verstand entzieht, enthüIlt sich dem frommen Erlebnis. "In der ekstatischen Vereinigung mit dem Einen gipfelt und voIlendet sich die Auffahrt der Seele."

Söhngen sieht die Ethik Plotins mit Recht religiös ausgerichtet: "Die Seele soIl sich läutern und reinigen, sich danach in sich selbst zurückziehen und alles, was nicht göttlich ist, von sich abstreifen", damit sie zur göttlichen Schau gelangt, die wie bei den meisten Mystikern mit einer Lichterscheinung einhergeht, wie Plotins Worte erweisen, daß "jene göttliche Welt [in der inneren Schau] über aIle ihr Licht ausbreitet und alles mit ihrem Glanz erfüIlt". "Dieses aufflammende Licht ist Gott selbst, der sich zum Menschen neigt als die mit heißem Herzen ersehnte Erfüllung", wie Söhngen hinzufügt. Der Geist des Schauenden erfahre und erkenne dabei sich selbst als Licht vom Lichte Gottes.

Mit anderen Worten: Der Philosoph wird zum Theosophen, der sich in der Einung seiner Gottunmittelbarkeit bewußt wird. Aber so plötzlich und allgewaltig die Gottheit in die Seele eingebrochen ist, so klingt die Ekstase nach einer Weile doch wieder ab. "Aber die Erleuchtung ist nicht spurlos an dem Begnadeten vorübergegangen: sie hat ihm die Gewißheit zukünftiger dauernder Wahrung geschenkt... Plotin wuchs in der Ekstase über sein enges individuelles Dasein hinaus und tauchte in ein unendliches Leben, in die ewig-zeugende allumfassende Lebensfülle der Gottheit."

Unnötig, weitere Beispiele anzuführen, die nur das Gesagte bestätigen.

Unter den englischen Religionspsychologen hat sich vor allem der Cambridger Theologe William Ralph Inge, der sich selbst einen Schüler Plotins nennt, eingehend mit dem großen Neuplatoniker befaßt. In seinem Werk "The Philosophy of Plotinus" (2 Bde., 2. Auf!. London 1923), in dem er das Ergebnis siebzehnjähriger Plotinstudien zusammenfaßt, nennt er Plotin einen Autor, dessen Werk man ohne Sorge jedem Wahrheitssucher in die Hand geben könne mit der Gewißheit, daß er aus ihm Trost und Kraft gewinnen werde. Für Plotin seien allein die geistigen Güter wirklich und wesentlich. Und es liege in jedermanns Vermögen, wie Plotin aus dem Geiste zu leben:

"Ich fand in Plotin einen weisen und inspirierenden geistigen Lehrer, dessen Philosophie auch den Intellekt befriedigt, zumal sie von Okkultismus und magischem Mystizismus frei ist und deutlich macht, daß die Gottesschau kein Vorrecht einiger Weniger ist, sondern etwas, was jeder besitzt, aber nur wenige benutzen."

Inge sieht in den Enneaden eine Botschaft der Stille und Gelassenheit wie des Vertrauens - gerade in den wirren Zeiten, in denen wir heute leben:

"Plotin, der in einer ähnlich haltlosen Zeit lebte wie wir heute, hat dargetan, wie man mitten im Alltag frei in uns aus einer zeit- und wandellosen Welt leben kann, die den Hintergrund der Bühne bildet, auf der jede Generation sich für eine kurze Zeitspanne bewegt, um schweigend wieder abzutreten. Plotin lebte inmitten der ewigen Ideen und nahm nie Bezug auf das Chaos, das die friedevolle Stätte seines Wirkens umbrandete... Er wußte sehr wohl, daß die Welt voller Finsternis und Grausamkeiten ist, doch noch gewisser war ihm, daß das Böse seinem Wesen nach unwirklich und ohne Dauer ist und daß hinter ihm die Wirklichkeit des Guten und Göttlichen steht, auf die allein es den Blick zu richten gilt. Denn die Welt ist ihrem Wesen nach geistiger Art."

Nach Plotin kann, wie Inge betont, "kein Verlust, kein Unglück, sei es öffentlich oder privat, den inneren Menschen treffen, unser wahres Selbst. Und noch weniger können sie das Wohl des AII-Lebens berühren, in das unser Leben eingebettet ist. Die wirkliche Welt ist ein Reich unwandelbarer, unvergänglicher Werte. In dieses Reich können wir uns jederzeit zurückziehen als in ein Reich des Friedens und der Sicherheit, der Kraft und der Fülle. Diese unsere geistige Heimat ist uns überall und allezeit nahe, denn sie ist in uns... So mag es sein, daß auch andere gleich mir in Plotin einen Tröster, Wegweiser und Lichtbringer sehen und daß sie von ihm bekennen, was Plotin selbst einst im Blick auf Ammonius sagte: 'Dies ist der Mann, den ich suchte!'"

 

 

Von der Verinnerlichung zur Erleuchtung

 

Was Inge als Ideal vorschwebte, hat der größte Philosoph Amerikas, Ralph Waldo Emerson (1803-1882), realisiert.

Emerson, der schon als junger Mensch mit dem Gedankengut des Deutschen Idealismus vertraut war, hat sich außer mit Platon auch mit Plotin befaßt, in dem er wohl ein Spiegelbild seines eigenen Wesens erkannte. In seinem Buch "Conduct of Life" (1860) bemerkt er am Schluß, daß er Plotins Überzeugung teile, daß "das Leben der Götter wie das der glücklichen gotterfüllten Menschen frei von irdischen Bedürfnissen und Belastungen ist, unbegleitet von menschlichen Unzulänglichkeiten - eine Flucht des einsamen Einzig-Einen [im Menschen] zum einsamen Einzig-Einen im All". Doch solI hier auf Einzelheiten der Emerson'schen Lebenslehre nicht eingegangen werden. Das ist bereits an anderer Stelle geschehen.

Emerson wiederum ist neben Mulford, Quimby, Trine, Marden, Fillmore einer der geistigen Väter der heutigen geistigen Erneuerungsbewegung, die unter dem Sammelnamen 'New Thought' (Neugeist) weltweite Verbreitung erreichte und weithin Gedanken Plotins vertritt: die positiv-optimistische Lebenseinstellung, die Bejahung des Guten, das Bekenntnis, daß alles Gute und Göttliche innen ist und von dorther nach Selbstoffenbarung drängt, was für den Menschen zugleich Selbstverwirklichung bedeutet.

Heute sind es in alIen Erdteilen Millionen, die im Sinne des New Thought und damit im Geiste Plotins dem Schicksal mit Bejahung und Vertrauen gegenüberstehen, sich die Bildekraft der Gedanken und die Macht des Glaubens dienen lassen und im Gewißsein der Bürgerschaft der Seele in der geistigen Welt nach Meisterung der irdischen Lebensbedingungen vom Geiste her streben. Wie ihnen mag Plotin Millionen Wahrheitssuchern als Wegweiser zu der Erkenntnis dienen, daß alles innen ist und daß, vom Geiste aus gesehen, letztlich alles gut ist, weil Wille und Werk des göttlichen AlI-Einen.

Wenn im folgenden Plotin selbst zu Wort kommt, dann vornehmlich, wo es um die eigentliche Lebenskunst und um den Weg zur Erleuchtung geht. Wir folgen dabei nicht der teilweise willkürlichen Gliederung, die Porphyrius den Gedanken Plotins gab, sondern ihrem inneren Aufbau als Wegweisung zum Einssein mit dem Einen.

Unter den deutschen Übertragungen der Enneaden – deren erste 1878 von H. F. Müller in vier Bänden herausgegeben wurde, eine letzte 1930 van R. Harder in fünf Bänden - lassen wir uns vor allem die zweibändige Auswahl van Otto Kier (Jena 1905) dienen, die sich durch guten Stil auszeichnet. Die Gedanken Plotins werden jeweils in gestraffter und leicht faßlicher Form wiedergegeben, da es hier nur um die unmittelbare Lebenspraxis geht. In dieser Hinsicht ist Plotins Lebenslehre so modern und aktuell wie kaum eine andere.

"Laß alle anderen Dinge beiseite, wenn du der göttlichen Schau und des Einsseins mit dem Einen teilhaftig werden willst! Dann gelangst du zu dem, was mehr ist als alles Seiende, was über allem Seienden ist", mahnt Plotin. Wer seinen Gedanken mit innerer Aufgeschlossenheit folgt, sie gar zum Gegenstand meditativer Selbstbesinnung macht, der betritt den ständig höher führenden Pfad der Erleuchtung.

Mögen diese Betrachtungen darum vielen Wahrheitssuchern zur Besinnung auf die unvergänglichen Werte des Lebens und zu den reichen Schätzen des Geistes verhelfen und ihnen bewußt machen, daß das, was die großen Erleuchteten und Vollendeten aller Zeiten verwirklicht haben, von jedem erreicht werden kann, dem es mit der Selbstverwirklichung und Sinnerfüllung des Lebens ernst ist.

Eben dies ist die frohe Botschaft Plotins für unsere Zeit und unsere Welt.

 

 

 

Teil II

 

Alles ist innen

 

"Das höchste Gut liegt im Innersten des Bewußtseins,

im Grunde der Seele." Seneca

 

 

Für den Stoffgläubigen ist alles außen, für den Geistbewußten alles innen. Je nach der Blickrichtung ist die Welt dem einen eine Stätte des Bösen, des Wandels und Vergehens, dem anderen schwaches Abbild des Guten und einer lichteren Welt dauernden Seins und Überseins.

Der Mystiker sieht beide Welten mit den Augen der SeeIe, deren eines auf die  vergängliche Wahnwelt, das andere auf deren geistige Basis, die göttliche Wahrwelt, gerichtet ist.

Die erste fundamentale Erkenntnis, zu der Plotin hinführt, ist, daß alles innen ist: alles, was den Menschen über die Schranken des Raumes, der Zeit, der Vergänglichkeit hinaushebt, aIle Kraft und alle Erfüllung, aIles Bleibende, Ewige, Wesenhafte, Geistige, Göttliche...

Aus der Erkenntnis, daß alles innen ist, erwächst die weitere, daß alles eins ist, weil das Höchste, das Eine, in aIlem ist. Diese Einheit und Ganzheit der Welt ist geistiger Art, wie Plotins Gleichnis vom Weltenbaum deutlich macht:

 

"Alles ist eins! Das ist das Prinzip, worin alles zugleich und aIles das Ganze ist. Alles Einzelne geht aus ihm hervor, während es selbst in sich verharrt - wie aus einer Wurzel, welche ruhig in sich bleibt. Die hervorgehenden Dinge

haben sich entfaltet zu einer ungeteilten Menge wie Blüten, deren jede das Bild ihres Ursprungs in sich trägt. Der eine dieser Teile bleibt der Wurzel nahe, die anderen dehnten sich in die Ferne, spalteten sich zu Ästen, Zweigen, Blättern und Früchten. Das Eine bleibt ewig, das andere befindet sich in ewigem Werden wie die Blätter und Früchte."

Da alles innen und eins ist, steht alles miteinander in Wechselwirkung. Die Welt erweist sich als durchwirkt und geleitet von göttlichen Kräften, die die Einheit von aIlem spürbar machen:

"Wenn das Weltall, weil es ein einheitlicher Organismus ist (siehe obiges Abbild der zur Materie verdichteten Satana -      Kosmologie), aus lauter sympathisch aufeinander wirkenden Teilen besteht und wenn alles von allem beeinflußt wird, weil aIle Teile dieses AlI-Organismus sind, wie muß da nicht der Zusammenhang deutlich werden, wenn wir Fernes sinnenhaft wahrzunehmen vermögen", wobei Plotin auch an die Raum-Zeit-überbrückenden Gedanken denkt.

Wer im ewigen Wechsel der Erscheinungen nach dem Bleibenden sucht, der findet es, wie Plotin klarstellt, nur innen (Mikrokosmos). Aller Weisheit Quell ist innen. Wissen und Wissenschaft kreisen um Äußeres, Gewordenes, Wandelbares.

Weisheit zielt auf das Unwandelbare, das 'Geheimnis' nur im Sinne einer Heimweisung zum Wesentlichen ist.

 

 

*

 

Plotin ist einer der großen lnnenweiser der Menschheit - gemeinhin 'Mystiker' genannt -, von denen jeder ein Eigener, Einmaliger und Einsamer war, aber als Wegweiser zum EINEN zugleich zum Einer wird, insoweit er anderen zu ihrem Eigenen und zu der Innewerdung verhilft, daß jeder ein zur Einung, zur Einswerdung Gerufener und Berufener ist.

Was kurzsichtigen Unerwachten als 'Erdichtung' erscheint, offenbart sich dem Selbst-Erwachenden als Verdichtung und Sichtbarwerdung göttlicher Wahrheit und Wirklichkeit. Ihm wird Einsicht zur Sichtung und Klarsicht des Wesentlichen, zur Wahrsicht und Eins-Sicht: zur Sicht des EINEN.

Wer wie Plotin nach innen schaut, gewinnt weite Sicht und wachsende Wachheit: Lichtgedanken, die bisher unbemerkt an ihm vorüberschwangen, finden nun in seiner SeeIe Widerhall und öffnen ihm Tore zu neuen Welten... Und unmerklich wird aus dem Ein-Geweihten ein all-geweiteter Träger kosmischer Bewußtheit.

 

Alles ist innen, weil das allem zugrundeliegende EINE - die unendliche Weltengottheit - in uns ist. Innen ist alles ewig eins. Hier ist alles Licht und Liebe. Wie kann einer, der dessen inne geworden ist, sich Geringerem zuwenden!

Im Lichtglanz der Innensonne offenbart sich jedes Wesen als Keimstatt und Heimstatt des EINEN. Es bedarf keiner fremden Stütze, Hilfe und Führung, denn es ist Erbe aller Weisheit, Macht und Fülle. Alles ist innen - und alles ist eins...

So wird aus Innenfahrt Höhenfahrt, auf der Lassen zu höchstem Wirken wird. Auf dieser Fahrt erblüht Ich- Enthobenheit jenseits aller Gewordenheit und Geschaffenheit. Am Ende der Lichtbahn erstrahlt die Einheit von Selbst- und Weltenmittelpunkt.

 

Die Erwachten nennen es Selbstverwirklichung. Für den, der von dieser Selbstverwirklichung auch nur einen Schimmer erspäht hat, gibt es weder Ende noch Untergang, sondern nur Übergang und ewiges Aufwärts. Er weiß um seine Sonnennatur und um die allverwandelnde Strahlkraft des Gottselbst in seinem Innersten.

Im Reiche des Lebens herrscht das Gesetz des Fortschritts durch Werden, Vergehen und Wiederkehr. Das Selbst aber ist jenseits alIen Werdens und Wandels. Und Raum und Zeit können dieses Selbst in dir wie in mir nicht trennen. Es lebt allezeit und in alIen Formen im Gewißsein immerwährenden Einsseins. Es ist der ruhende Punkt im ewig kreisenden Kreis des Lebens und Bewußtseins. Und im Kreis des Selbst ist wiederum Gott, das Überselbst oder Allselbst, der ruhende Punkt im Zentrum - wie Gott ein Kreis ist, in dessen Mittelpunkt das Herz der Gottheit glutet...(Nein, im Kreis befindet sich unser Gottesfunken= Weisheitsgeist, noch getrennt vom Liebegeist, der noch wie im Dornröschenschlaf ruht und erst wachgeküßt wird, wenn wir uns diesem Liebelicht in Jesus Christus zuwenden. Dies haben östliche Meister unterlassen und erlangen deswegen das göttliche Weisheitsbewußtsein im unendlichen Meer Seines Geistes. Hier befindet sich der für sie unsichtbare Gott des alten Bundes..  Niemand kommt zum Vater - der Liebe-Weisheit -, denn durch Mich, spricht Jesus!)

Zu diesem Urmittelpunkt alIen Lebens, Seins und Überseins zieht es das Selbst (= Gottesfunken). Jeder erreichte Gipfel höherer Bewußtheit ist ihm nicht Letztes, sondern nur Sprungbrett ins noch Unbetretene, Grenzenlose...

Im allerinnersten Punkt ist aller Kreise Mitte und Ende. (Im Punkt ruht noch sein für ihn unentwickeltes Liebefeuer)  Hier ist Ursein ohne Anderheit und Wandlung. Und dieser Punkt ist nicht fern von dir, sondern das dir Allernächste. Es ist im Innersten des Selbst. Du bist es selbst. (Früher ja, im noch nicht gefallenen Kind, jetzt muß es diesen Zustand erst wiedergewinnen über die Stufen der Wiedergeburt)

Der göttliche Funken im Menschen

 

Geheimnis des Menschseins

 

Wir berühren damit das Geheimnis des Menschseins: Wie in der Natur die drei Prinzipien oder Grundkräfte - das Eine, der Urgeist und die Urseele - wirken, so auch in uns Menschen: sie bilden den 'inneren Menschen', um mit Platon zu reden. "Unsere Seele ist ihrem Wesen nach etwas Göttliches und gehört der geistigen Welt an."

Plotin sieht im Menschen eine unter unendlich vielen Lebensformen im All, wobei er bemerkt, daß es, wie Tiere und Pflanzen unter dem Menschen stehen, unzählige Wesenheiten gebe, die über ihm stehen - bis hinauf zu den Sternengöttern und über sie hinaus bis zur Gottheit – dem EINEN.

Auch der Mensch hat - wie alle Wesenheiten im Universum - neben seinem individuellen Dasein etwas Überindividuell-Unendliches in sich. Er ist Träger absoluten Seins:

"In seiner Körperlichkeit ist jeder von uns weit entfernt von der göttlichen Wesenheit; aber vermöge seiner Seele hat er an ihr teil und ist seIber Wesenheit. Soweit er seiner Wesenheit bewußt ist, ist er Herr seiner selbst und seines Lebens."

Plotin unterscheidet wie alle Mystiker den äußeren vom inneren Menschen, der immer auf dem Wege zum Einen ist:

"Die meisten Menschen üben von ihrer Geburt an mehr ihre sinnliche Wahrnehmung als ihren Geist und sind durch die Not gezwungen, ihre Aufmerksamkeit zuerst auf die sinnlichen Dinge zu richten... Die einen bleiben dabei und verbringen ihr Leben, ohne nach etwas Weiterem zu suchen. Sie betrachten dieses Leben als das Schlechte, die Vergnügungen als das Gute. Sie schließen daraus, daß man das eine vermeiden, dem anderen fortwährend nachjagen müsse. Hierin bestehe die Weisheit und Lebenskunst, glauben jene unter ihnen, die sich einbilden, 'vernünftig' zu sein. Sie gleichen schweren Vögeln, welche, belastet mit vielen erdigen Stoffen und herabgedrückt, keinen Höhenflug mehr wagen, obwohl sie von der Natur mit Flügeln ausgerüstet sind...

Andere erheben sich ein wenig über das Niedere, weil der bessere Teil ihrer Seele sich vom Angenehmen zum Schönen emporwendet. Aber da sie nicht zur Betrachtung des Geistigen zu gelangen vermögen, erblicken sie die Tugend in Handlungen und niedrigen Dingen...

Dann gibt es eine dritte Klasse - die göttlichen Menschen -, welche, begabt mit größerer Kraft und Schärfe des Blicks, den Glanz in der Höhe schauen und sich dorthin emporschwingen durch die Wolken und Nebel hier unten und dort bleiben, die irdischen Dinge verachtend und voll Freude über ihre wahre ihnen angemessene Heimat."

Plotin unterscheidet in diesem Sinne Tiermenschen und Gottmenschen:

"Der Mensch steht in der Mitte zwischen Gott und Tier und neigt abwechselnd zu beiden. Einige Menschen gleichen Tieren; die meisten halten die Mitte inne. Die Schlechten ziehen die Mittleren mit sich hinab und tun ihnen Gewalt an, weil diese zum Widerstand gegen feindliche Angriffe nicht gerüstet sind. Die Vorsehung läßt das zu, daß jene Schwächlinge dies erdulden zur Strafe für ihre Weichlichkeit...

Für die, welche diese Gewalt verüben, besteht die Strafe zunächst darin, daß sie Wölfe sind und Übeltäter; doch bleibt es nicht dabei, daß sie hier schlecht wurden und dann starben, sondern die früheren Taten folgen immer dem, was ihrer Natur entspricht: die schlechten dem Schlechten, gute dem Guten...

Im übrigen ist es lächerlich, wenn die Schwachen von den Göttern Rettung erwarten und erbitten, ohne auch nur das Geringste zu tun, wodurch man nach dem Willen der Götter sich selbst retten könnte und sollte. Denn die schlechten Menschen herrschen nur infolge der Feigheit der von ihnen Beherrschten..."

Auch in jedem Menschen selbst kämpft, wie Plorin erkennt, der äußere, niedere mit dem inneren, höheren Menschen: das vergängliche 'lch' mit dem unvergänglichen göttlichen 'Selbst'.

 

 

Seele

 

Die Seele

 Die Seele und ihr Aufstieg aus dem Naturreich - Die höheren Bestandteile der Menschenseele

 

       Oalim´s Gesicht

 

Statt vom äußeren und inneren Menschen spricht Plotin auch vom niederen und höheren Teil der Seele, die, wie die Weltseele Mittlerin zwischen der Welt der Materie und der des Geistes ist, Körper und Geist miteinander verbindet. "Dabei taucht die Seele nicht völlig in den Körper ein, da ihr edlerer Teil im göttlichen Bereich verbleibt."

Dieser Doppelcharakter der Seele kommt schon in ihrem griechischen Namen zum Ausdruck: Psyche heißt nicht nur 'Lebensodem', 'Lebensträger', sondern auch 'Schmetterling': das aus der Körperlichkeit der Raupe befreit sich lichtwärts schwingende, beflügelte Wesen. Plotin erläutert das so:

"Die Seele ist nichts Körperliches. Sie wird nicht vom Körper umschlossen, sondern umschließt ihn. Sie ist auch nicht im Körper wie in einem Gefäß. Das denkt man, weil man nicht die Seele, sondern nur ihr Körperkleid mit leiblichen Augen wahrnimmt (nein, siehe unter den obigen Links); man beurteilt ihn [den Körper] als 'beseelt'. Weil er bewegt wird und empfindet, sagt man, er habe eine Seele. Und so kommt man dazu, anzunehmen, in dem Körper selbst sei die Seele...

 

Wir sagen dagegen, die Seele sei im Körper wie der Steuermann im Schiff. Dieser Vergleich paßt, um auszudrücken, daß die Seele vom Körper trennbar ist, wenn auch nicht, um die Art und Weise klarzumachen, wie die Seele im Körper gegenwärtig ist. Denn der Steuermann ist ja nicht im ganzen Schiff wie die Seele im Körper... .(Eigene Anschauung: Die Seele weilt im Schlaf nicht im Körper. Ich erlebte vor ca. 40 Jahren nach einem Traum in der Aufwachphase das Eingleiten  meiner Seele in meinen Körper wie das Eintauchen des Körpers in ein warmes Schwimmbadwasser)

 

 

Die Seele ist im Körper gegenwärtig wie das Licht in der Luft. Das Licht ist überall gegenwärtig und vermischt sich doch mit nichts, sondern beharrt in sich selbst. Man kann auch sagen: die Luft ist im Licht ebenso wie das Licht in der Luft ist...

Platon sagt, es gebe ein Gebiet der Seele, worin der Körper sich befinde, und ein anderes, worin nichts Körperliches sei, nämlich jene Kräfte der Seele, deren der Körper nicht bedarf...

Im Körper sind nur jene Seelenkräfte gegenwärtig und tätig, deren er bedarf. Da der beseelte Körper von der Seele erleuchtet wird - wie die Luft vom Licht -, nimmt jeder Teil des Körpers auf eine besondere Weise an ihr teil. Jedes Organ empfängt entsprechend seiner Tätigkeit die Kraft der Seele, die zur Verrichtung seiner Arbeit erforderlich ist...

Aber selbst im Diesseits, während ihrer Sonderung und Verkörperung, ist die Seele nicht nur geteilt, sondern zu gleich auch ungesondert und ungeteilt - nämlich in jenem Reich, dem sie ihrem Wesen nach angehört und von dem sie sich nicht in ihrer Gesamtheit, sondern nur mit einem Teil abgewandt hat."

Plotin fährt fort:

"Ich rede hier nur zu denen, die außer und hinter der Körperwelt eine andere Natur annehmen und sich wenigstens bis zur Seele erheben. Diese sollten die Natur der Seele genau durchdenken, unter anderem auch in der Beziehung, daß sie vom Geiste stammt. Danach müssen sie erkennen, daß es einen absoluten Geist gibt, der höher ist als der denkende Geist und das Denkvermögen. Durch den Geist schaut die Seele den göttlichen Geist, der über ihr thront und ihr Vater ist (nein, siehe Oalim´s Gesicht: ).

Hier erhebt sich die Frage, wie es kam, "daß die Seele, die doch aus der jenseitigen Welt stammt und idealen Wesens ist, ihres Vaters vergessen hat und weder ihn noch sich selbst kennt?"

Plotin antwortet darauf:

"Der Anfang der Sonderung war für die Seele die Werdelust, das erste Anderssein und das Bestreben, für sich sein zu wollen. Da die Seelen ihrer Selbständigkeit offenbar froh waren, verloren sie in dem Maße, wie sie sich von ihrem Ursprung entfernten, die Erkenntnis, daß sie selbst von dort stammten - wie Kinder, welche früh vom Vater getrennt und lange Zeit in der Fremde aufgezogen wurden, weder sich noch ihren Vater mehr erkennen...

 Zur Schöpfungsgeschichte

 

...indem die Seelen so selbst sich Unehre antaten in der Vergessenheit ihres Ursprungs und sich der Welt zuwandten, sie liebgewannen und sich an die Dinge hingen, rissen sie sich selbst so weit als möglich von dem fort, was sie geringschätzig aufgaben. So wurde die Wertschätzung der Dinge des Diesseits für die Seelen der Grund zur vollständigen Unkenntnis jener Welt. Bei diesem Abstieg der Seelen in die Körperwelt durchschreiten sie gewissermaßen den Lethe-Strom des Vergessens, des Nichterinnems an ihre Herkunft. Erst mit der Hinwendung nach innen stellt sich das Erinnern - das lnnewerden ihres wirklichen Wesens und ihrer geistigen Heimat - allmählich wieder ein... Und dann erwacht mehr oder minder stark das Verlangen nach der Heimkehr, die Hinwendung zum Innen und zur göttlichen Einheit. Die Seele erkennt, daß sie, die Geteilte, ihr Leben aus dem unteilbaren Einen empfing."

 

 

Selbsterkenntnis

 

AIle Selbsterkenntnis beginnt mit der Innewerdung dieser Doppelnatur der Seele und mit der Einsicht, daß der äußere Mensch nur das Spiegelbild des inneren ist, der, wie Platon sagt, "sein Haupt im Himmel birgt". Dieser innere Mensch, der göttliche Teil der Seele, ist der feste Punkt in uns, das Selbst hinter dem lch:

"Es gibt etwas im Menschen, das sich selbst im eigentlichen Sinne erkennt. Es ist der geistige Teil der Seele, der innewird, daß er ist und wer er ist. lndem er das Seiende schaut, schaut er sich selbst in seiner ganzen FüIle...

Wer sich selbst erkennt, ist wiederum gleichsam ein Doppelter: einer, der die Natur der denkenden Kraft der Seele erkennt, und ein anderer über diesem, der sich selbst erkennt und mit dem Geist eins geworden ist. Dabei erkennt er sich nicht mehr als Mensch, sondern als ein Ganz-Anderer, der sich zusammengerafft hat nach der geistigen Welt hin und allein fähig ist, beschwingt zu werden zur geistigen Anschauung und aufnahmefähig für das, was er dort geschaut hat."

Hier erhebt sich bereits die im weiteren wiederkehrende Frage, wie man  dorthin gelangt:

"Dorthin führt der Weg der Abkehr vom Äußeren und der Hinwendung nach innen. Die Seele, die sich von der Sinnentäuschung löste und entfernte,  gelangt auf diesem Wege in einen Zustand der Sammlung, in dem ihre Körperhülle samt Sinnlichkeit und Umwelt zur Ruhe gekommen ist...

Nun erkennt die Seele, wie die AlI-Seele von alIen Seiten  her in die Welt einströmt, sich in sie ergießt und sie mit ihrem Licht erfüllt, alles zugleich belebt und in jedem Ding, jedem Wesen ganz gegenwärtig ist, sowohl in ihrer Einheit als auch in ihrer Universalität - dem Vater ähnlich, der sie erzeugte.. .

Obwohl der Himmel von unendlicher Mannigfaltigkeit ist, stellt er doch  durch die Kraft der Allseele eine Einheit dar. Durch sie ist die ganze Welt ein Gut. Auch die Sonne ist ein Gut, denn auch sie ist beseelt, ebenso wie die anderen Gestirne und auch wir...( Diese Allseele hat einen Namen: Jesus ist der Gottvater  und der Schöpfer - Die heilige Dreieinigkeit Gottes -)

 

 

(Denken wir daran, dass die sichtbare Schöpfung die Gottesträne ist, die im obigen Bild dargestellt wird. Seine Liebe eilte den gefallenen Geschöpfen nach und gestaltete daraus die sichtbare Schöpfung, die in Seinem Geist  - für uns nur wahrnehmbar, wenn wir uns mit Ihm verbinden - eingebettet ist. Ähnlich verhält es sich mit unserer Seele, in dem der positive Kern oder unser Gottesfunke liegt- im geistigen Herzen. Siehe erstes Bild am Anfang dieses Buches!)

 Zur Schöpfungsgeschichte --      Oalim´s Gesicht

 

Von gleicher Natur wie die Allseele ist auch unsere individuelle Seele (Ebenbild). Und wenn man sie betrachtet ohne ihre Zusätze, in ihrer ganzen Reinheit, findet man das Wesen, das die Seele ausmacht, wertvoller als alles Körperliche, das irdisch und vergänglich ist...

Warum also dich von dir selbst entfernen und anderen Dingen nachjagen? Da es die Seele ist, die du in allem er kennst, schätze sie auch in dir selbst! Da die Seele etwas so unendlich Wertvolles und Göttliches ist, halte daran fest, daß du durch sie einem Gotte nachjagst, und erhebe dich mit ihr zu jenem empor. Ergreife den göttlichen Teil deiner Seele, der dem Reich des Urgeists benachbart ist, aus dem er kommt und dessen Bild er ist! Er hilft der Seele, ihre Göttlichkeit zu entfalten, dadurch, daß Er ihr Vater ist und ihr beisteht."

 

Spiegel des Alls

 

Wer irgend etwas in der Welt tadelt, handelt unweise und ungerecht, sagt Plotin, weil er nur Teile wahrnimmt und beurteilt. Die Teile müssen in ihrer Beziehung zum Ganzen betrachtet werden. Ebenso muß die Gleichnishaftigkeit des Lebens erkannt, in allem Äußeren das Innere erspürt werden, im Abbild das Urbild, im trugvollen Spiegelbild die Wirklichkeit.

In Wirklichkeit ist die Welt ein lebendiger All-Organismus, in dem alles  miteinander harmoniert und sich gegenseitig in Richtung fortschreitender Gottselbstoffenbarung schaffend und lebengebend vorantreibt (nein, nur Gott ist das Leben, Er triebt alles voran, unmerklich für das Geschöpf, die ihm verliehene Freiheit achtend). Das wird deutlich, wenn man hinter der Mannigfaltigkeit der Sonnenwelt der geistigen Urwelt und der göttlichen Einheit inne wird.

Für Plotin ist der Mensch als Mikrokosmos (Zum Mikrokosmos) ein Spiegelbild und Ebenbild des Makrokosmos, des Alls. Im Ursprung war er eins mit dem All. Sein Geist senkte sich dann in die Materie und löste sich vom Göttlichen. Doch nun ist er auf dem Heimweg:

"Der Mensch, wie er jetzt geworden ist, hat aufgehört, das All zu sein. Wenn er aber aufhört, ein vom All losgelöstes Individuum zu sein, sagt Platon, schwingt er sich wieder auf und durchdringt die ganze Welt; denn einsgeworden mit dem All schafft und durchwirkt er das All."

Als erstes erlebt er das All in sich und von da aus sein Einssein mit dem All über sich, dessen Kraft ungebrochen in ihm ist. Der Geistverdinglichung während des absteigenden Teils des Weltenprozesses folgt der aufsteigende Bogen der Verinnerlichung, Vergeistigung und Durchgottung der Welt.

Doch wir richten hier den Blick nicht weiter auf das, was Plotin über den Abstieg aus dem EINEN bis zur Materie darlegt, sondern wenden uns dem Aufstieg zu, der mit der Erkenntnis beginnt, daß alles innen ist, und weiter zu der allmählichen Erkenntnis führt, daß alles gut ist, weil Werk und Abglanz des Einen, und schließlich zu jenem Erwachen der Seele zur Fülle des AIls, zu dem jeder Mensch in der meditativen Selbstbesinnung und Kontemplation zu gelangen vermag.

In der Kontemplation offenbart sich uns ein dreifaches Universum: hinter dem physischen All, in dem die höchste Geschwindigkeit die des Lichts ist, gewahren wir ein metaphysisches Universum, ein Reich des Geistes, in dem Überlichtgeschwindigkeiten herrschen. Im Zustand der Erleuchtung schließlich offenbart sich uns dahinter ein göttliches Universum, in dem Allgegenwart herrscht und unendliche Bewegung und Ruhe eins sind. Es ist das Reich der Gottheit, in dem alles eins ist.

In der Linken Zehe befindet sich unser Sonnensystem

Im Sternbild des Löwen befindet sich der Stern Regulus.

Regulus ist die Urzentralsonne  „Urka)

Hier befindet sich Sein himmlisches Reich, es umschließt alles

Und von dort aus entfernte sich Satana und ihr Anhang.

 Zur Schöpfungsgeschichte

 

Der Mensch gehört aIlen drei Reichen zugleich an, die in Wahrheit nur eines sind, die ebenso wie ihr mikrokosmisches Ebenbild, der Mensch, von göttlichen Kräften durchdrungen und erfüllt sind, wie Plotin in der Innenschau erkennt:

"Ein Gott (Hat einen Namen, siehe oben: Jesus) hat mich geschaffen - und er hat mich vollkommen geschaffen, so daß mir nichts zur Glückseligkeit fehlt. Ich bin für das, was ich sein und tun solI, vollkommen ausgerüstet. In mir ist alles enthalten, was auch im All enthalten ist und in allem, was darin lebt. Alles in mir strebt nach dem Guten als dem Göttlichen, zu dem jedes Wesen auf seine Weise und auf seinem Wege genauso gelangt wie ich. Von jenem Göttlich-Guten hängen Himmel und Erde ebenso ab wie meine eigene Seele und alles, was lebt."

 

(Aber: ohne Ihn vermögen wir nichts, nur Er allein vermag uns diesen Blick zu schenken und nur mit Ihm an Seinem Reich teilhaben- Andernfalls sprechen Finsterlinge, die immer noch so sein wollen wie Gott – neben Ihm und aus sich allein alles sein wollen)

 

Materie and Geist

 

Bis zur Materie ging der Weg der Seele abwärts; von da an führt er, wie der Mystiker erkennt, wieder höhenwärts. Die meisten Menschen sind sich  dessen aber nicht bewußt. Sie gleichen in ihrer Stoffgläubigkeit noch lebenslänglich Schlafenden:

"... jene, die die Eindrücke der sinnlichen Wahrnehmung als Beweis der Wahrheit nehmen, sind Träumende, die für wirklich halten, was sie sehen, während es doch nur Traumgebilde sind. Auch die sinnliche Wahrnehmung ist eine Tätigkeit der schlafenden Seele; denn soweit die Seele im Körper ist, schläft sie...(falsch, sie muß auch dem Körper dienen, denn ohne die Seele kann der Körper nicht agieren)

Das wahre Erwachen ist ein Sich-Erheben vom Körper, nicht mit dem Körper. Wer mit dem Körper aufsteht, geht nur aus einem Schlaf und Traum in einen anderen über. Das wirkliche Aufstehen besteht in einer vollständigen Freiwerdung der Seele vom Körper, der eine der Seele entgegengesetzte Natur besitzt. Das beweist auch sein Entstehen, Dahinschwinden und Untergang - alles Erscheinungen, welche der Natur des Seienden und dem Wesen der Seele fremd sind."

Die Materie ist immer ein aus Verschiedenartigem Zusammengesetztes und darum Teilbares, während der Geist einfach, einheitlich und unteilbar ist. Weil der Materie kein Sein zukommt, ist sie unempfindlich. "Sie ist gleichsam nur ein flüchtiger Schatten, wie auch die Vorgänge in ihr Täuschung sind."

Vom Geiste aus gesehen, hat die Materie nicht mehr Substanz als ein Bild im Spiegel. Die materielle Welt ist in Wahrheit nur Spiegelbild der geistigen Welt (obiges Abbild der Satana = Abbild Seiner Himmel) und als solches ohne Realität. Sie wird aber trotzdem als real empfunden, weil der Mensch ganz an die Spiegelwelt hingegeben ist, statt sich der schöpferischen Welt der Wirklichkeit zuzuwenden und aus dem Geiste zu leben.

"Was der Alltagsmensch für das am meisten Wirkliche hält, ist es gerade am wenigsten. Man muß also durchweg das Gegenteil von dem annehmen, was dieser für 'wirklich' hält, sonst bleibt man der wahren Wirklichkeit fern und Gottes bar und ledig...

Das wahrhaft Seiende ist der Geist; darum erkennen wir auch uns selbst als etwas Seiendes. Das Seiende existiert in sich selbst, ohne einer Veränderung oder Vernichtung zu unterliegen. Was wird und vergeht, ist nicht das wahrhaft Seiende..

Der Geist in uns schaut sich selbst und denkt über sich selbst nach, denn er ist sich selbst stets gegenwärtig. Wir Menschen sind es nur soweit, als wir uns zu ihm hinwenden."

Erst dann kehren wir aus der Vielheit zurück in die Einheit.

Plotin war der größte Künder des Geistes der Einheit, deren Erlangung nach ihm das Ziel alIen Lebens ist:

"AIs Philosophen suchen wir die Einheit, das höchste Prinzip, das Gute, das Erste. Wir erheben uns über die Sinnenwelt und streben nach dem Reich des Ursprungs. Dazu müssen wir die Mannigfaltigkeit unseres Wesens in eins zusammenfassen, um zum göttlichen Geist aufzusteigen und in ihm unsere Seele zu erneuern. Das erreichen wir nur, wenn wir uns der Gegenwart des EINEN nicht nur verstandesmäßig bewußt werden, sondern mit dem Herzen und mit dem Geiste, innerlich...(Nur durch Mich kommt ihr zum Vater, spricht Jesus, unser Gott und Vater)

Denn der Verstand bewegt und verliert sich in der Vielheit, während die Seele den Strom des Lebens und des Geistes als eins schaut. Sie blickt auf die Quelle des Guten, deren Wasser ewig in unverminderter Fülle fließen.(Wir müssen wie Oalim blicken, bis zu Ihm in unserem geistigen Herzen) Wenn wir in dieser Quelle untertauchen, mit ihrem Strom verschmelzen und eins werden, werden wir selbst zur Einheit, und nichts unterscheidet und trennt uns dann von dem EINEN...(dies ist ein Geschenk und nicht von uns aus selbst realisierbar!)

(Anmerkung zu einer Bemerkung eines Freundes, weshalb sich Plotin nicht mit den Christen in Rom traf. Antwort aus meinem Empfinden: Die Erkenntnisse Plotins sind ein Geschenk an Plotin und an die Menschheit von unserem himmlischen Vater in Jesus Christus. Seine Jünger bekamen zu Pfingsten Seinen Heiligen Geist. Plotin überkam der Heilige Geist als Geschenk für seine Hinwendung an ihn im Herzen im Gebet. Hierauf ist Plotin nicht eingegangen, weil Ihm ja alles geschenkt worden ist, damit er mit diesen Erkenntnissen dienen konnte. Seine Freunde verhalfen ihm dazu, dass diese Erkenntnisse schriftlich festgehalten worden sind, Jesus musste ihn über sie  anstoßen. - Denken wir z.B. an den jungen Mozart, der schon als Knabe himmlisch spielen konnte. Er war auch eine Seele von oben, seine himmlischen Talente durfte er mitbringen, wie auch Plotin sein Geschenk für die Menschheit aus Jesus.)

 

Wenn dieser Aufstieg zum Einen gelungen ist, gibt es keine anderen Gedanken, keine Leidenschaften, keine auf materielle Dinge gerichteten Wünsche mehr. Alles Äußere tritt gänzlich zurück. Über alles Irdische emporgehoben und vom Göttlichen erfüllt ruht der Eingeweihte unbewegt in vollkommener Stille: er ist zur Stille, zum Frieden selbst geworden."

AIle Fragen, die uns vorher bewegten, beantworten sich hier von selbst, wenn wir Gott nicht mit lauten Worten anrufen, sondern Ihm unsere Seele im schweigenden Gebet nahe bringen. "Wer Gott schauen will, der im Innersten wie in einem Heiligtum bei sich selbst wohnt, ruhig und erhaben über aIle Dinge, muß ihn mit dem Teil seiner Seele anrufen, der selbst göttlichen Wesens ist."

 

Nochmals: Alles ist innen!

 

"Könige sind wir, wenn wir im Einklang mit dem Geist denken und handeln, vor allem in der Weise, daß wir uns gleichsam von ihm erfüllen und leiten lassen oder ihn als in uns gegenwärtige empfinden und Ihn schauen."(Geschenk)

Hier wie überall in seinen Enneaden bekennt Plotin sich zum Pan-en-theismus aller Mystiker: zur AlI-in-Gott-Lehre, die dem vulgären Pantheismus, der Welt und Gott gleichsetzt, diametral entgegengesetzt ist . Für ihn ist das Eine, das Göttliche, etwas Un- oder Überpersönliches, Geistiges, absolut Seiendes oder Überseiendes, dessen Gegenwart, Kraft und Wirken aber innerlich erfahrbar ist. Das Göttliche ist jenseits aller Vorstellbarkeit und Sagbarkeit: aber alles, was ist, hat seinen Grund in ihm. Alles ist in Gott und Gott ist in allem. In alIen Wesen ist Gott unmittelbar gegenwärtig.

Er allein verleiht alIen Realität.

Für Plotin ist die Gotterfülltheit des Universums keine Frage des Glaubens, sondern der inneren Erfahrung. In der inneren Schau sieht er alles vom Geist und der Kraft der Gottheit durchdrungen. Sein Pan-en-theismus ist dynamische Religion, praktische Theosophie, unmittelbare Teilhabe am Göttlichen. Er weiß, daß die Seele in ihrem geistigen Kern gottgeboren ist, gottnah, göttlichen Wesens. Und weil im Grunde alles göttlich ist, ist alles gut.

 

Wesen des Einen.

 

Für den Mystiker bedarf es keiner Spekulationen über das Wesen des EINEN. Er weiß und erlebt es in sich:

"Das Eine liegt allem zugrunde als das Prinzip des Lebens und Seins, des Urgeists und des AIls. Es ist die Quelle von allem... In jedem einzelnen ist etwas, auf das man es zurückführen kann. Erfaßt man dies Letzte, Eine in der Pflanze als das bleibende Prinzip, und ebenso das Eine im Tier und das Eine in der Seele des Menschen und das Eine im All, so erfaßt man jedesmal das Mächtigste und Wertvollste...

Und wenn man dieses Eine im wahrhaft Seienden als die Quelle und Urkraft erfaßt, kann man da ungläubig sein und unter dem Einen das Nichts vermuten? Freilich ist es nichts von dem, dessen Prinzip es ist; aber es ist doch Nichts nur in dem Sinne, daß nichts von ihm ausgesagt werden kann. Es ist nicht dies oder jenes, es ist über allem Seienden erhaben. Wenn man es aber erfaßt, indem man das Sein wegnimmt, erlebt man ein Wunder. Wenn man sich zu ihm aufschwingt, es in seinen Wirkungen ergreift und in ihm ausruht, wird man seiner durch Intuition inne."

Plotin erläutert diese Feststellung wie folgt:

"Wer über das Eine philosophieren will, muß sich von den sinnlichen Dingen, welche den letzten Rang einnehmen, lösen und sich ganz zum Ersten hinwenden. Er muß aufsteigen zu dem Prinzip, das er in sich selbst besitzt. Er muß mit sich eins und Geist werden. Und er muß das Eine schauen, ohne sich irgendwie der sinnlichen Wahrnehmung zu bedienen.. . Der Geist allein ist imstande, uns Kenntnis zu geben von den Dingen, die in seinem Bereich liegen. Doch auch der Geist ist noch etwas Seiendes; das Eine aber ist kein Etwas mehr, sondern höher als alle Dinge. Es ist auch nichts Seiendes, denn alles Seiende hat noch Gestalt, das Eine aber ist ohne Gestalt (altes Testment! Das Eine hat Gestalt angenommen in Jesus Christus!). Es ist auch weder bewegt noch ruhend. Es ist nicht im Raum, nicht in der Zeit, es ist jenseits von alledem...

Die Schwierigkeit, das überwesenhafte Wesen des Einen zu begreifen, ist deshalb besonders groß, weil es weder auf dem Wege des Denkens noch auf dem der Wissenschaft erfasst werden kann. Die Wissenschaft hat es mit Begriffen zu tun, jeder Begriff aber schließt die Vielheit in sich ein. Das Lehren ist gut zum Weg-Aufzeigen und bis zum Weg-Ergreifen; das Schauen aber ist das eigene Werk (nein, siehe Weg zur geistigen Wiedergeburt) dessen, der den Entschluß gefaßt hat zu schauen...

Wenn aber die Seele nicht zum Schauen gelangt ist, wenn sie kein Verständnis jenes strahlenden Glanzes dort gewonnen hat, wenn sie kalt bleibt und kein Entzücken empfindet ähnlich dem des Liebenden - ein Entzücken, das der empfindet, der das wahre Licht gesehen hat und dessen Seele ganz in Klarheit getaucht wurde durch die Annäherung dieses Lichts - so rührt das daher, daß die Seele versucht hat, sich zum Einen zu erheben, ohne sich ganz von dem befreien zu können und befreit zu haben, was dem Schauen hinderlich war (Seelenreinigung tut not). Sie hat sich nicht allein emporgeschwungen, sondern war noch behaftet mit Trennendem, war noch nicht zur Einheit gelangt...

Dabei ist dieses Eine in Wahrheit nicht fern von einem jeden - und doch fern von allem. Es ist gegenwärtig und doch nicht gegenwärtig außer für die, die es aufzunehmen vermögen, die imstande sind, sich in Harmonie mit Ihm zu versetzen und es durch eine Kraft zu berühren, welche der ähnlich ist, die vom Einen selbst ausgeht, wenn also die SeeIe sich in dem Zustand befindet, in dem sie war, als sie vom Einen ausging; dann kann sie es schauen, wie es seinem Wesen nach ist."

(Für Plotin und Gleiche ist dies ein Gottesgeschenk, für uns geht es nur über viele Stufen, die hier skizziert werden:

 Wiedergeburt)

Noch eindringlicher gesagt:

"Wir befinden uns immer um das Eine herum, selbst wenn wir uns von ihm entfernen und es nicht mehr kennen... Wir haben eben nicht unsere Blicke darauf gerichtet. Wenn wir es aber anschauen, dann winkt uns das Ziel und die Ruhe, wir befinden uns nicht mehr in Uneinigkeit mit ihm und bilden einen gottbegeisterten Reigen um das Eine...

In diesem Reigen schaut die Seele die Quelle des Lebens, die Quelle des Geistes, das Prinzip des Seienden, die Ursache des Guten, die Wurzel der Seele. In ihm, dem Einen, atmen und bestehen wir, es hebt und trägt uns. In ihm ruht unsere Seele aus, wenn sie vom Übel hinweg zu dem von Übeln reinen Ort emporgeflohen ist. Dort erkennt sie in Wahrheit und ist keiner Leidenschaft unterworfen...

Dort ist ihr wahres Leben. Denn unser jetziges Dasein ohne Gott ist nur eine Spur, ein schwacher Abglanz jenes wahren Lebens. Das Leben dort ist Tätigkeit des Geistes, und durch Tätigkeit erzeugt es in wandelloser Berührung und Gemeinschaft mit dem Einen die Schönheit, die Gerechtigkeit, die Tugend. Von ihnen geht die gotterfüllte Seele schwanger. Gott ist für sie Anfang und Ende: Anfang, weil sie von dort herstammt; Ende, weil das Gute dort ist und weil sie, dort angelangt, selbst auch wieder wird, was sie war."

Um zum Einklang mit dem Einen zu gelangen, muß man wie im weiteren gesagt wird, "aIles ablegen, was nicht göttlich ist, um sich auf Gott aIlein zu richten und sich mit ihm zu vereinigen. Wir sollten darum Trauer empfinden über unsere Fesseln und mit unserem ganzen Wesen Gott umfassen, damit wir keinen Teil mehr an uns haben, mit dem wir nicht an Gott hangen. Da dürfen wir dann ihn und uns selbst schauen - uns selbst im strahlenden Glanz, erfüllt von geistigem Licht – oder vielmehr aIs reines Licht selbst, ohne Schwere, leicht und licht und gut geworden. Unseres Lebens Flamme ist dann entzündet."

 

 

Bildekraft der Seele

Gott, sagt Plotin, wird aIs Urkraft erlebt, aIs Urquelle aller Wirksamkeit. Diese göttliche Kraft ist auch im Grunde der Seele und wird aIlbefreiend tätig, wenn sie ganz nach innen gekehrt ist ( )

"Der Geist ist Wirksamkeit an sich selbst. Die Seele ist nur insoweit nach innen gekehrt, als sie sich zum Geiste wendet. Soweit sie hingegen außer dem Geiste ist, ist sie äußeren Dingen zugewandt."

In diesem FaIle hat sie nur in geringern Maße teil an der Kraft des Geistes. Soweit sie beim Schaffen noch Einwärtsschauende ist, haben ihre Gedanken die Möglichkeit und Kraft sichtbarer Formung und Verkörperung. Die Seele entfaItet aIsdann die ihr eigene Imaginationskraft, ihr Vermögen, geistig etwas zu bilden und vor sich hinzustellen, was äußerlich fern, innerlich aber gegenwärtig ist (nur aus ihrem göttlichen Geist, verbunden mit dem hímmlischen Vater).

Plotin wußte um diese schöpferische BiIdekraft der SeeIe, die der der Sinne überlegen ist. Denn die Sinne brauchen einen äußeren Gegenstand, um zum Wirken gebracht zu werden. Die Denk - und Imaginationskraft der Seele bedarf dessen nicht. Tiere und Pflanzen verfügen über Sinnestätigkeiten, der Mensch darüber hinaus über seelisch-geistige Kräfte, die er bei geschlossenen Augen zu entfalten vermag. Im Traum und bei Halluzinationen wird die Kraft der Phantasie, der Imagination undiszipliniert, unbewußt betätigt, bei bewußter Lenkung der Gedankenkraft in der Konzentration und Meditation wie bei Glaubensheilungen hingegen zieIbewußt und planvoll.

Plotins Pan-en-theismus erweist sich damit nach der Iebenspraktischen Seite hin als Pandynamismus: er macht deutlich, daß Ideen schaffende Kräfte sind. Für ihn heißt Denken im besonderen, sich zum Guten hinwenden, schaffend nach ihm streben. Jeder dem Guten und Göttlichen zugewandte Gedanke entfaltet transzendentale Wirkkraft (aus Gott).

Nicht nur bei Dichtern und Philosophen, sondern bei jedem Menschen ist Denken zugleich ein Produzieren, auch wenn das den meisten nicht bewußt wird. Denken ist ein kreativer Vorgang, durch den der Denkende das wird oder herbeiführt, was er denkt, und zwar in besonderem Maße dann, wenn das Denken mit einer Weitung des geistigen Gesichtskreises einhergeht und aus Einsicht Übersicht und Allsicht wird.

Das Denken wird dann zur Intuition erhöht, zu innerer Wirklichkeitsschau, die zum Innewerden und Verstehen der ewigen Wahrheiten verhilft und bis zum Gipfel kosmischer Bewußtheit führen kann.

 

 

Intuition

 

"Der Geist besitzt eine doppelte Kraft: mit der einen, der denkenden, schaut er die Dinge in sich, mit der anderen erfasst er, was über ihm liegt, durch Intuition."

Der Intellekt ist unfähig, tiefere Zusammenhänge zu erkennen und zu begreifen. Dazu bedarf es des höheren Vermögens der Intuition. Nach Plotin besitzt jeder Mensch diesen Intuitionssinn, dies Wahrnehmungsvermögen für das Transzendente, Numinose oder Göttliche. Es ist jenes Sonnenauge der SeeIe , das den Menschen befähigt, die lichte Wirklichkeit der geistig-göttlichen Welt zu erkennen und das Schöne und Gute zu schauen: die innere Schönheit, das innere Gut (=Geburts- oder Weisheitsgeist).

Der Ausdruck schauen, sagt Plotin, "trifft nicht ganz das Richtige; denn es handelt sich hier um eine höhere Art des Sehens, um ein Einfachwerden, ein Hingeben seiner selbst und ein Vermögen, mit dem Geschauten eins zu werden. Doch auch das sind bildliche Vergleiche, mit denen die Weisen andeuten, wie man das Gute, das Eine wahrnimmt...

Der Geist schaut bei der Intuition die geistigen Dinge durch das Mittel des Lichts (Licht= Weisheit), welches das Eine über sie ergießt; und sie schauend, schaut er wirklich und wahrhaft. Richtet er seine Aufmerksamkeit aber mehr auf die beleuchteten Gegenstände, schaut er das Licht weniger gut. Läßt er hingegen die gesehenen Gegenstände beiseite und blickt er auf das, wodurch er sie sieht (aus seinem Geburtsgeist), so wird er das Licht selbst und des Lichtes Quelle schauen...(Die göttliche Weisheit in Gott, Ihn Selbst erst durch Hinwendung zu Jesus Christus, unserem göttlichen Vater und Schöpfer)

Wenn der Geist gleichsam das Auge für die anderen Dinge verschließt und sich in sich selbst zurückzieht, wird er nichtsehend, ein Licht schauen, und zwar sein eigenes Licht, welches plötzlich in ihm selbst in seiner reinen Klarheit aufglänzt. Wenn man dieses göttliche Licht schaut, weiß man nicht, woher es erschien, ob von innen oder außen. Wenn es wieder entschwunden ist, kann man sagen: es war innen und doch wieder nicht nur innen. Allein man soll nicht forschen nach dem Woher, denn ein Woher gibt es da nicht. Man darf ihm auch nicht nachjagen, sondern muß gelassen warten, bis es erscheint, und sich nur für das Schauen bereit und aufgeschlossen halten."

Praktisch bedeutet das, daß bei der intuitiven Wirklichkeitsschau der Geist eins ist mit dem Geschauten (Plotin spricht über die Möglichkeiten des alten Bundes, hier war Gott unsichtbar für Seine Geschöpfe). Keine Wahrheitsschau wäre möglich ohne diese Identität, bei der der Geist, der Gedanke und das Geschaute zu eins zusammengeronnen sind. Dieses Schauen ist das Ziel des Mystikers:

"Wenn er erreicht hat, was er wünscht, sucht er das Ziel seines Schauens gegenwärtig zu schauen in der Seele. Im Schauen hat die Seele Ruhe und sucht nichts mehr, da sie der Fülle teilhaftig ist. Das Schauen, in solchem Vertrauen auf den Besitz des Guten, ruht, nach innen gewandt. Und je lebendiger das Vertrauen, um so gelassener das Schauen. Ein solches Schauen führt die Seele näher zu dem Einen. Und die Erkennende gelangt, je mehr sie erkennt, zum Einssein mit dem Erkannten...

Alles wahrhaft Seiende entstammt dem Schauen und ist selbst Schauen. Wenn aber das Schauen weiter hinaufsteigt von der Natur zur Seele und von dieser zum Urgeist, und wenn das Schauen in seinen einzelnen Momenten immer inniger wird und in der vollkommenen Seele die Erkenntnis, die dem Urgeist zustrebt, mit dem Gegenstand des Schauens zusammenfallt, so sind im Urgeist Subjekt und Objekt identisch dadurch, da Denken und Sein eins sind.

Das ist lebendige Schau."

Doch zieht sich dieser Prozeß oft über manche Entwicklungsstufen hin. Denn "im Augenblick, da das innere Auge erwacht, kann es die Lichtfülle noch nicht ertragen. Die SeeIe muß sich allmählich daran gewöhnen, indem sie etwa zunächst auf eine schöne Lebensweise blickt, dann auf schöne Werke und danach auf die wahre Schönheit des Innern und der geistigen Welt...

Das, was schaut, ist der Geist, der 'Daimon', (= Geburtsgeist ) von dem Platon sagt, daß er uns hilft, 'das Geschick zu erfüllen, das wir gewählt haben'. Er erweist sich in der Schau als der Genius, der die Seele aufwärts, gottwärts leitet, ihr dabei aber stets die Freiheit der Wahl und Entscheidung läßt."

Es ist der 'innere Mensch', der sich unter anderem als das Gewissen bemerkbar macht. Ihm verdankt der äußere Mensch seine guten Gedanken, seine lichten Inspirationen. Der 'Daimon' war schon vor der Geburt des äußeren Menschen bei der Wahl der neuen Lebensrolle am Werk, die den aus früheren Leben mitgebrachten positiven und negativen Kräften und Strebungen, Stärken und Schwächen und den Aufgaben des neuen Lebenskreises entspricht.

Der Daimon leitet die Seele weiterhin als ihr innerer Helfer durchs Dasein und wacht darüber, daß sie sich nicht gänzlich an die Materie und das ihr Wesensungemäße verliert. Er hilft ihr, ihrer eigentlichen Bestimmung zu folgen - im Bewußtsein ihrer Verantwortung für alles, was sie tut oder unterläßt. Er ist auch der Grund des unerschütterlichen Gott- und Selbstvertrauens der Seele, ihr geheimer Schutzengel. Er ist das wegweisende und wegerhellende Licht der Seele, die innere Sonne, die ihren irdischen Lebensweg entscheidender bestimmt als die äußere Sonne am Himmel den Ablauf ihrer Tage. (Diesen Zustand kann jeder Mensch erreichen in allen Religionen)

 

 

Die innere Sonne

 

Diese innere Sonne ist es, mit deren Aufgang am Horizont der Seele die Erleuchtung anhebt:

"Man beginnt zu schauen, wenn ein plötzliches Licht die Seele erleuchtet. Dieses Licht kommt von Gott und ist er selbst (wegen des Geisterfalls nicht in Seiner ganzen Fülle, der Vater ist in der alten Schöpfung verdeckt). Es bleibt dunkel in uns, solange er nicht in die Seele eintritt. Aber von ihm erleuchtet, hat die Seele unmittelbar das, was sie suchte. Und es ist das wahre Ziel und die Aufgabe der Seele, jenes Licht zu ergreifen und durch es selbst das Licht zu schauen."

Der äußere Mensch ist nicht imstande, das Licht der inneren Sonne zu schauen, da er nicht einmal in die äußere Sonne blicken kann, ohne zu erblinden. Wenn aber die Seele das Licht, das in ihr aufstrahlt, anzuschauen vermag, wird sie geistartig und ist dem inneren Lichte nah:

"Die Seele hat vom Geist das geistartige Leben empfangen. Das Leben im Geiste ist höchste Wirksamkeit, das erste sich selbst von Anfang an leuchtende Licht und seine eigene Fackel, leuchtend zugleich und erleuchtet, das wahrhaft Geistige, durch sich selbst geschaut und sich selbst genügend zum Schauen; denn was es schaut, ist es auch selbst, wie auch wir den Geist durch den Geist erkennen...

Der Geist verharrt unbeweglich, versunken im Schauen, ganz hingegeben an den Anblick der Schönheit, die ihn erhebt und mit göttlicher Kraft erfüllt; er fühlt, daß er schöner und glänzender geworden ist durch die Nähe des Ersten, des Einen...

Selig, wer es erreicht hat, wer zum wahren Schauen des seligen Anblicks gelangt ist! Entzündet ist seines Lebens Flamme. Er ist zu jener Licht-Energie gelangt, die ihn über alles Leibliche und Geistige hinaushebt."

Die innere Sonne ist immer da - nicht erst dann, wenn das innere Auge geöffnet ist und die göttliche Lichtwelt als solche wahrnimmt. Solange das innere Licht aber noch nicht in uns aufstrahlte, sollten wir zumindest in dem Bewusstsein leben, daß es allezeit in uns gegenwärtig ist und dass unser innerstes Wesen Licht vom Lichte Gottes ist.

Seit Hermes Trismegistos ist die äußere Sonne Sinnbild der inneren. Sie wurde geflügelt dargestellt als der die SeeIe himmelwärts tragende Geist der Einheit, des Lichts und des Lebens. Gott, so lehrte man, wohnt in seinem eigenen Licht; aber ein ewiger Strahl dieses Lichts ist im Menschen als Sonnengeist gegenwärtig. Um das zu verdeutlichen:

Für die Eingeweihten Altägyptens war Ra nicht die gottgleiche Verkörperung der sichtbaren Sonne; diese galt vielmehr umgekehrt nur als Manifestation des unsichtbaren Sonnenlogos, wie es im gleichen Sinne Ahura Mazda war, der Geist des Lichts der altpersischen Sonnenreligion des Zarathustra - oder Surya im Lichtglauben der altindischen vedischen Religion - oder Mithra, der Lichtgott der Iranier, der altgriechische Sonnengott Helios oder Odin, der 'sonnenäugige Himmelsherr' des altnordischen Glaubens - oder Christus (Jesus, Gott, unser himmlischer Vater! Die östlichen Meister erkennen Jesus Christus nur als einen Meister ihresgleichen), die geistige Sonne, das 'Licht der Welt': der Flammengeist im Seelengrund (hier deswegen nur als unsichtbarer Gott).

Aller Mysterienlehren Sinn und aller Weisheit Anfang ist, daß der Wahrheitssucher immer lernt, alles in sich zu finden: daß er nicht mehr der Mondbahn bloßen Nachfolgens, hörigen Hörens und lebenslangen Kreisens um einen menschlichen Mittelpunkt folgt, sondern der Sonnenbahn freier Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung; daß er zum flammenden Mittelpunkt seines eigenen Seins und Wesens finde, zur Sonne des Selbst, die ewig im Innenreich strahlt - alter Wahrheit, Weisheit und Gewißheit Heimat und Hort.

Wenn uralte Weisheit in der Sonne ein Sinnbild des göttlichen Selbst im Menschen sah, deutete sie damit Zusammenhänge an, die auf dem Wege nach innen für jeden erfahrbar werden:

Daß alles Leben lichtgeboren ist, ist in zweifacher Hinsicht wahr. Wie die physische Sonne als Quell des Lichts und der Wärme jene biochemischen Umwandlungen auslöst, die erst die Bildung von Lebensformen ermöglichen, so ist die geistige Sonne Quell des Lebenslichts und Bewußtseins. Beider Symbol, der kreisumgürtete Punkt, weist auf das Wesentliche: auf den Mittelpunkt alIen Lichts und Lebens, der innen ist, den wir in uns selbst finden. Denn auch der größte Kreis bleibt Null und Nichts, solange nicht das Winzigste in ihm, der Mittel-Punkt, als die Eins hervortritt und aus beiden die Zehn wird - Symbol des Licht- und Selbsterwachens, der Vollendung und Vollkommenheit (die Vollkommenheit mußte den gefallenen Geistern genommen werden. In Adam und Eva - und in uns  Mitgefallenen - wurden die göttliche Liebe von der göttlichen Weisheit getrennt - siehe "Der sehr Schwache:).

 

*

 

Im Sonnenkreis des Lebens ist alles in ewiger Bewegung und Wandlung. Doch im Zentrum des Seins ist unwandelbare Ruhe. Im Kreis kehrt alles kreisend in sich selbst zurück, wird auf sich selbst gewiesen - zumeist zwar, ohne die Weisung wahrzunehmen und zu befolgen... Erst wer sich vom Umkreis zur Mitte wendet, wird der Weisheit der Weisung inne und lernt, sich lassend aus dem Kreis zu lösen.

Das erste Symbol und Wegzeichen auf dem Pfade der Einweihung ist darum das der Sonne, der 'Sonne um Mitternacht': es meint Entwerdung und Weitung: daß der Kreis zum Punkt entwerde und der Punkt sich zum Allkreis weite. Dorthin weist das Symbol: erst leite und weite dein Ich zum Selbst und dein Selbst zum Allselbst! Dann findest du zum Einen, der alles ist.(aber hier befinden wir uns erst wie die östlichen Meister im Meer Seines Geistes und sehen noch nicht unseren himmlischen Vater)

 

Was heißt das?

 

Im Kreis herrschen Zweiheit und Vielheit; im Punkt, dem Kreismittelpunkt, ist Einheit und Einssein. Weise darum, wer sich seiner Mitte - dem Mittler in ihm - eint: dem Funken des Sonnenlogos, in dem die ganze Kraft der geistigen Sonne ungemindert strahlt.

 

Hier, im Zentrum unseres Wesens, atmet das wirkliche Leben, das unendlich ist wie der Kosmos und ewig wie die Gottheit. Mit diesem Mittelpunkt eins zu werden, ist aller Wesen Entfaltungsziel und Sinn.

In jedem Wesen will sich der Sonnenlogos in seiner ganzen Lichtfülle offenbaren. Das ist die Frohbotschaft aller Religion, Mystik und Esoterik. (Erster und sehr wichtiger Schritt, zum Vater gelangen wir nur durch die Erlösung durch Jesus Christus, nur Er vermag die Trennung von Liebe- und Weisheitsgeist in uns wieder rückgängig zu machen)

 

*

 

Machen wir uns noch lebendiger bewußt, was das für uns, hier und jetzt, bedeutet, und verweilen wir noch ein wenig bei dem, was das Symbol der Innensonne uns bewußt machen will: 

Die Vielen wandeln im Umkreis; die Wenigen wenden sich zum Mittel-Punkt jenseits alIen Zwiespalts und Zweifels, aller Ungewißheiten und Fragen.

Wer um den Punkt im Kreis weiß, ist Erbe des Weistums aller Religion und Mystik: Neuplatoniker und Taoist, Christ und Vedantist, Buddhist und Sufi ist er zugleich – Kenner und Bekenner der Einen Religion, die überall und allezeit die gleiche ist (Auffassung der östlichen Meister. Man denke sich eine Ellipse mit zwei Zentren. Wir wurden in das eine Zentrum gestellt-  mit dem unsichtbaren Gott im zweiten Mittelpunkt. Nach dem Fall behielten wir nur noch den Kern des zweiten Zentrums, die östlichen Meister gelangen durch ihre Einswerdung nur zum Weisheitskern der Gottheit im zweiten Zentrum der Ellipse und in das Meer der gesamten Ellipse. Zum Vater gelangen wir nur über Jesus Christus. Er sagt: Nur durch Mich gelangt Ihr zum Vater).

Wer um den Punkt im Kreis weiß, achtet auf das Echte. Und aus dieser Acht wird Hinwendung zum allein Achtbaren - dem Göttlichen im Innern - und Ächtung alles Geringeren, mag die Welt es auch noch so hoch bewerten.

So wird derjenige, der den Punkt im Kreis trifft, ein Trefflicher: einer, der der Trift der Triebe und dem Getriebe der Vergänglichkeit entwächst...(Die östlichen Meister haben nicht erkannt, daß sich dieser Punkt in einer Ellipse befindet)

Denn Sammlung auf den Punkt ist Hinwendung zum Innenlicht, das allein den dunklen Umkreis der Ich- und Weltgebundenheit erhellt und zur Leidenthaftung leitet.

 

*

 

Der Kreis umschließt unsere Geschaffenheit. Der Punkt meint das in unserer Wesensmitte, was jenseits aller Gewordenheit ist: das göttliche Selbst. In der Außensicht des Kreises zwar erscheint es winzig und unbedeutend; in der Innenschau des zum Punkt Gesammelten, in sich Geeinten offenbart es sich jedoch als göttlich und allumfassend.

Zu diesem einzig sicheren inneren Halt gelangt nur, wer, innehaltend, zu seinem Mittelpunkt heimkehrt - zu jenem Punkt, nach dem es Archimedes verlangte: "Gebt mir einen Punkt, wo ich stehen kann, und ich werde die Welt bewegen."

AIle Kraft und Bewegung kommt von innen. Der Beweger ist in uns. Darum ist die einzig rechte Weise jedes nach Selbstverwirklichung verlangenden Wesens die eigene Weise: der Weg ins eigene Innerste.

Wohl wird der einwärts Schreitende ein Einsamer und Einzelner, aber auch ein Eigener und ein Eigner des Höchsten - und zugleich wird er ein Einender, weil ihm alles zum Spiegel und Ebenbild des inneren Bildners wird.

Eben darum sucht der Weise - als Höhenweiser – keine Jünger und Schüler, die auf ihn blicken, sondern Gefährten und Folger, die über ihn hinaus weiterschreiten zum eigenen Selbst: zur Selbstverwirklichung.

So kommt alles auf dieses Pünktlein im Kreise an, dieses Fünklein im Seelengrund: das göttliche Selbst. Von dort allein kommt alle Weisheit und Gewißheit, Hilfe und Erlösung: aus dem strahlenden Mittelpunkt unseres Wesensinnersten, der ein Lichtstrahl ist aus dem Flammenden Herzen der Weltengottheit (Jesus Christus).

Das ist die hohe Lehre und ewige Botschaft des Sonnensymbols: Wer zum Punkt gelangt, sprengt den Kreis der Weltenschlafumfangenheit und Nichterkenntnis, erhebt sich aus Zweiheit und Zweifel der Ichheit zur Einheit, Gewissheit und Weisheit des Selbst.

Für das Selbst ist die wirbelnde Bewegung der Welt ewige Ruhe, Vergangenheit und Zukunft ewiges Jetzt, Fernstes wie Nahes ewiges Hier.

Wer sein Ich zum Selbst leitet und sich dem Einen weiht, ist Eingeweihter.

AIle Mysterienlehren und insbesondere die Neupythagoräer und Neuplatoniker zielen auf diesen Durchbruch vom Umkreis in den Wesensmittelpunkt und auf die Auferstehung des Lichtlogos, auf den Aufschwung aus der angstgeborenen Enge der Ichheit zur kosmischen Weite und Lebensfülle des Selbst. Sie sprechen von 'Sonneninitiation' und meinen den Aufgang der geistigen Sonne im innersten Osten, in deren Morgenröte das Ichbewußtsein sich zu kosmischer Bewußtheit weitet.

In dieser Bewußtseinsweitung schaut die Seele Gott, der, wie Plotin ergänzt, "niemandem fern ist, sondern alIen gleich nahe, auch wenn die meisten es nicht wissen, weil sie, nach außen blickend, aus ihrem Mittelpunkt, ihrem Selbst, herausgetreten sind". Plotin vergleicht sie [die SeeIe, Anm. d. Hrsg.] einem Manne, der mit den Füßen im Wasser steht, aber mit dem übrigen Teil seines Körpers darüber hinausragt:

"Erheben wir uns in den Teil unseres Wesens, der nicht in die Körperlichkeit getaucht ist, so verbindet sich unser Wesensmittelpunkt mit dem Zentrum der geistigen Welt, dem göttlichen Geist, dessen Licht die ganze Welt durchstrahlt und auch im letzten Wesen als Licht, als innere Sonne, gegenwärtig ist."

 

 

Teil III

 

Alles ist gut

 

"Zwischen dem Guten und der Gottheit

besteht ein unlösbares Band." Seneca

Nur Gott ist gut

 

Die zweite große Erkenntnis, zu der Plotin hinführt, ist, daß alles gut ist, weil in und hinter aIlem der 'Unendliche Geist des Guten' - wie ein moderner Plotin-Jünger, Prentice Mulford, Gott nennt - gegenwärtig und wirksam ist.

Das Gute als das Göttlich- Vollkommene ist Ziel aIler Erkenntnis und alIen Strebens der Seele. Es ist zugleich die aIlem Werden und Geschehen zugrunde liegende bestimmende dynamische Tendenz und Urkraft.

Plotin nennt das Absolute mit verschiedenen Namen: das EINE, das Erste, das Gute. Es ist als Einheit jenseits alles dessen, was wir Existenz nennen und was uns in seiner Vielheit bewußt wird.

Das Gute ist keine Eigenschaft des Einen, sondern es ist das Eine selbst:

"Es ist das Gute nicht für sich selbst, wohl aber für die, welche an ihm teilnehmen. Es ist das, wovon alles abhängt, nach dem aIles strebt: der Grund des Seins, dessen alles Sein bedarf. Es ist sich selbst genug. Es ist aller Dinge Maß und Grenze, Quell aller Weisheit und Schönheit, tragendes Fundament und Element der Welt, zugleich aber jenseits aller Erfassens- und Beschreibensmöglichkeiten."

Für Plotin sind Gott und das Gute dasselbe. Auch das Universum und alles Leben darin ist gut und wert, bejaht zu werden, "weil es vom Hauch des Guten durchweht ist."

Die Seele, die diesen göttlichen Hauch verspürt, erwacht zu sich selbst und erlebt sich selbst als im Herzen des Guten geborgen:

"Wir sind nicht abgeschnitten von ihm oder abgetrennt außer ihm, wenn auch die körperliche Natur uns zu sich hingezogen hat, sondern wir atmen und bestehen in ihm."

Was vom EINEN gesagt wurde, gilt gleichermaßen vom GUTEN, denn es ist Ausdruck des Einen. Wer sich zum Einen aufschwingt, wird, von Staunen ergriffen, sich darin versenken und sich ihm einen.

"Er wird es dann schauen, ohne aber Ausdrücke zu finden, um seine Größe zu bezeichnen. Wenn er es schaut, wird er auf jedes Wort verzichten und nur aussagen können, dass es durch sich selbst ist. Er wird, wenn er sich zu ihm emporschwingt, auch nicht sagen können, wo es ist; denn überall erscheint es ihm gleichermaßen vor den Augen der SeeIe, und wohin er seinen Blick auch richtet, schaut er es an...

Von Gott kann man nicht sagen, was er ist und was er nicht ist, sondern nur aussagen: Er ist!,  wenn man ihm damit kein Attribut zusprechen, sondern nur feststellen will, dass  er ist. Wir nennen ihn das Gute – aber nicht als Prädikat, als etwas, das ihm zukommt, sondern wir sagen damit, daß er das Gute ist...

Darum besteht auch in den Mysterien das Gebot, den Uneingeweihten nichts mitzuteilen, da das Göttliche für jene unaussprechlich und unbeschreiblich ist, denen es noch nicht vergönnt war, es zu schauen...

Wir kennen das Eine nur aus seinen Wirkungen. Doch hindert uns nichts, es zu besitzen - ähnlich den Begeisterten und Entzückten, die zwar wissen, daß sie das Höchste in sich tragen, ohne doch zu wissen, was es ist...

So ist unser Verhältnis zum Einen: wenn wir uns zu ihm erheben mit Hilfe des reinen Geistes, fühlen wir, daß das Eine der Grund des Geistes ist. Wir fühlen, daß es besser, großer, erhabener ist als das Seiende, höher als der Begriff, das Denken und das Empfinden, jenes EINE, welches all dies verleiht, ohne es selbst zu sein."

Plotin fährt fort:

"Die Seele liebt das Gute, weil sie von ihm von Anfang an zur Liebe erregt wurde. Sie erhebt sich zu jenem Reich, stark genug, um zu finden, was sie liebt; und sie läßt nicht ab, bis sie es ergriffen hat. Dann schaut sie die wahre Schönheit und die wahre Wesenheit. Vom Wesen des Guten erfüllt, erlebt sie sich selbst als ein wahrhaft Seiendes, als das Gute...

Jedes Wesen, das nach dem Guten strebt, will weit lieber das Gute sein, als was es selbst ist, und glaubt, um so mehr am Sein teilzuhaben, je mehr es am Guten teilnimmt.

Je größer der Anteil ist, den ein Wesen am Guten hat, desto freier ist seine Wesenheit. Durch das Gute wird es bestimmt, durch das Gute gehört es sich seIber an."

Wahrhaft gut ist die Seele dann, wenn sie sich völlig dem hingibt, was ihrem wahren Wesen entspricht:

"Sie hat dann im gleichen Maße am Guten teil. Sie sucht und findet, was göttlicher Art ist wie sie selbst, während ein vom Guten getrenntes Dasein ein kümmerliches Zerrbild dessen ist, was das Leben sein sollte. Sich vom höchsten Guten fernhalten bedeutet Einsamkeit, Friedlosigkeit und Selbsterniedrigung...

Wenn die Seele das Licht bemerkt, das vom Guten über die geistigen Dinge ausgestrahlt wird, wird sie zu ihnen hingezogen und findet einen köstlichen Genuß darin, das Licht zu betrachten, das in ihnen aufglänzt. Sobald die Seele die Einwirkung des Guten empfindet, wird sie bewegt, jauchzt auf und wird von heißer Sehnsucht getrieben: es erwacht die Liebe in ihr...

Wenn es solchermaßen über sie kommt wie eine Glut vom Guten her, dann erstarkt die Seele und entfaltet ihre Flügel. Wenn sie dann auch für den Geist, der ihr nahe ist, leidenschaftlich erregt wird, so schwingt sie sich zu einem Anderen, noch Höheren auf, wie wenn sie sich daran erinnerte. Und solange es noch Höheres gibt, steigt sie immer weiter empor - fortgerissen durch ihre Natur, emporgehoben durch den, der ihr die sehnsüchtige Liebe eingehaucht. Sie erhebt sich über den Geist hinaus; aber über das Gute kann sie nicht weiter hinauseilen, weil es nichts mehr darüber hinaus gibt."

 

Und das Böse?

 

"Das Böse gehört dem Nichtseienden an. Das heißt nicht, daß es nicht existiert, sondern daß es etwas anderes ist als das Seiende. Es ist daher das stets Bedürftige gegenüber dem Selbstgenügsamen, nirgends feststehend, unersättlich, voll Mängel. Das sind nicht seine zufälligen Eigenschaften, sondern gleichsam sein Wesen."

Noch deutlicher gesagt, ist das Böse "die Verneinung des Guten und der Mangel des Guten. Wenn aber der Mangel des Guten schuld daran ist, daß die Seele die Finsternis sieht und in sie gerät, ist der Mangel des Guten für die Seele das erste Böse; das zweite Böse ist dann die Finsternis. Das Böse liegt im Mangel an sich. Wem nur ein kleiner Teil des Guten fehlt, ist noch nicht böse. Wem aber das Gute durchaus fehlt, der ist böse...

Darum sagt Platon, das Böse sei nicht bei den Göttern, sondern wandIe in der sterblichen Natur in dieser Welt umher. Darum, sagt er, müsse man dieser Welt entfliehen. Das meint er nicht wörtlich als Weggehen von der Erde, denn man kann auch auf Erden gerecht und heilig leben als ein Weiser. Der Sinn dieses Wortes ist nur, daß man das Schlechte fliehen müsse. Doch entflieht man dem Schlechten und Bösen nicht durch einen Wechsel des Orts, sondern dadurch, daß man sich dem Guten zuwendet, sich Tugend erwirbt und nicht am Körper klebt. Die Erkenntnis des Guten und Schönen, das Staunen und das Erwachen des Drangs nach Schönheit und nach dem Guten kommt den meisten erst, wenn sie bereits Wachende, Wissende und Weise geworden sind."

 

 

Von der Schönheit

 

Alles Schöne ist nach Plotin Wegweisung zum Guten, zum Einen. Auch von der sinnlichen Betrachtung des Schönen kann man zu ekstatischer Verzückung gelangen, wie es Dichter und Propheten, Heilige und Erleuchtete erlebten, für die die Anschauung des Schönen eine Vorstufe höherer Erkenntnis war, ein Mittel zum Gewahrwerden des Göttlichen hinter den Formen des Gewordenen:

"Als erstes ist die mit dem Guten identische Schönheit zu setzen. Von ihr geht der Geist aus als das schlichthin Schöne. Durch den Geist ist die Seele schön, durch die gestaltende Seele alles übrige. Auch in der Körperwelt wird, was den Namen des Schönen verdient, durch die Tätigkeit der Seele dazu gemacht. Da sie nämlich selbst etwas Göttliches, gleichsam ein Bruchteil des Schönen ist, macht sie alles schön, was sie berührt, soweit dieses imstande ist, Schönheit anzunehmen...

Wo das Schöne aufhört, hört auch das Sein auf. Darum ist das Sein bemerkenswert, weil es mit dem Schönen identisch ist, und das Schöne liebenswert, weil es das Sein ist."

Unnötig, hinzuzufügen, daß Plotin hier von der absoluten Schönheit spricht und von der Hingabe an sie als Mittel der Vollendung:

" Wenn wir von absoluter Schönheit sprechen, müssen wir von jeder bestimmten Gestalt absehen. Denn was Gestalt hat, ist begrenzt. Das wahrhaft Schöne, das Überschöne, ist weder gestaltet noch begrenzt, sondern formlos, und die wesentliche Schönheit dort ist die Natur des geistig Guten...

Das bezeugt auch der Zustand des Liebenden: solange sein Auge am sinnlichen Gegenstand haftet, liebt er noch nicht wahrhaft. Wenn er sich aber über den sinnlichen Gegenstand erhebt und dazu gelangt, in ungeteilter Seele ein nicht mehr sinnliches Urbild zu erzeugen, dann entsteht in ihm der Eros."

Damit ist der unpersönliche seelisch-geistige amor mysticus gemeint, der die Liebe zum Schönen und Guten ins Geistig-Göttliche erhebt, zum Trachten nach dem Einssein mit dem Einen transmutiert:

"Um das Schöne zu schauen, welches die sinnliche Wahrnehmung nicht mehr sehen kann, das vielmehr die Seele ohne Sinnesorgane gewahrt und auffaßt, müssen wir höher hinaufsteigen. Verwunderung, liebliches Staunen, Sehnsucht, liebende Hingabe- das muß die Empfindung sein bei allem, was schön ist...

Wenn sie voller Liebe zum Schönen entflammt, legt die Seele jede Gestalt, die sie hat, ab. Denn jenem Höchsten kann man sich weder nahen noch in Harmonie mit ihm treten, solange man noch etwas anderes besitzt und sich mit ihm zu schaffen macht. Wenn die Seele sich von allem anderen freigemacht hat, schaut sie in sich selbst das plötzliche Aufleuchten des Höheren: kein Zwischenraum ist mehr da, es sind nicht mehr zwei, sondern beide sind eins. Die Seele und jenes Höchste sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Diese Vereinigung ahmen in dieser Welt die Liebenden nach, die ihr Wesen zu einem verschmelzen wollen...

In diesem Zustand merkt die Seele nichts mehr von ihrem Körperkleid, sie fühlt nicht mehr, ob sie lebt, ob sie ein Mensch ist, ob eine Wesenheit; sondern jenes Höchste allein sucht sie und schaut nur auf jenes statt auf sich selbst. Und mit nichts würde sie dieses Schauen vertauschen, auch wenn man ihr den ganzen Himmel anböte; denn es gibt nichts Höheres mehr. Höher kann sie nicht steigen...(doch: Zur Anschauung des himmlischen Vaters)

In diesem Zustand kann die Seele erkennen, daß sie wirklich besitzt, was sie erstrebt. Denn es gibt nichts Besseres als das und nichts Wahreres als die Wahrheit selbst. Alles andere, was sie früher entzückte, Herrschaft, Macht, Reichtum, Schönheit, Wissenschaft - alles das erscheint ihr jetzt als nichtig. Sie fürchtet auch kein Unglück und keinen Verlust, solange sie mit ihm vereint ist und es schaut. Alles um sie herum könnte zugrundegehen, wenn sie nur allein mit ihm übrig bleibt. So groß ist ihre Glückseligkeit. In diesem Zustand verschmäht die Seele sogar das Denken. Denn Denken ist Bewegung, und sie will nicht bewegt werden."

 

*

 

Für Plotin ist, wie wir sehen, Schönheit ein metaphysischer Begriff: sie ist Offenbarung geistiger Harmonie und göttlicher Vollkommenheit, Spiegel des höheren Guten, des Einen. Diese geistige Schönheit ist nur innerlich wahrnehmbar.

"Da der, welcher zum Anschauen der übersinnlichen Schönheit gelangt ist und die Schönheit des Geistes empfunden hat, auch imstande ist, ihren Ursprung zu erfassen, wollen wir uns klarmachen, wie man die Schönheit des Geistes und der übersinnlichen Welt zu erschauen vermag: Stellen wir uns nebeneinander zwei Marmorblocke vor, den einen roh, den anderen schon vom Meißel des Künstlers zur Statue einer Göttin oder eines vollkommenen Menschen geformt. Dann ist der vom Künstler zur schönen Gestalt umgeschaffene Marmorblock offenbar schon infolge der Form, die er empfangen hat, die sich nicht schon im Stoff befand, sondern im Geist des Bildhauers existierte...

 

Wenn es aber der Kunst gelingt, Werke zu schaffen, die der Idee und dem Wesen der Schönheit voll entsprechen, so hat sie eine größere und wahrere Schönheit als die, welche sich in den äußeren Objekten vorfindet, die dem Willen des Künstlers nur insoweit gehorchen, als der Stein der Kunst nachgibt. Denn das schöpferische Prinzip ist höher als das Geschaffene. Demgemäß muß die Natur, welche so viele schöne Dinge hervorbringt, eine weit höhere Schönheit als diese Dinge besitzen. Wir indessen, die nicht gewöhnt sind oder nicht verstehen, in das Innere zu schauen, jagen dem Äußeren nach, ohne zu wissen, daß es das Innere ist, das uns bewegt...

AIle Werke der Kunst wie der Natur bringt eine Weisheit hervor, eine Werkmeisterin der schaffenden Tätigkeit. Nur das Vorhandensein dieser Weisheit macht Kunst möglich. Der Kiinstler wendet sich immer zur Weisheit der Natur, der er selbst seine Kunst verdankt. Diese Weisheit ist eine Einheit und ruht in sich selbst...

Am hellsten strahlt der Begriff der Schönheit in einer edlen Seele, wenn er sich in ihr offenbart. Sein Schöpfer ist der Geist. Die Wahrheit, die man in einem Menschen bewundert, verleiht seiner Seele größere Schönheit als die seines Äußeren. Man schaut dann nicht auf sein Antlitz, das sogar häßlich sein kann, man sieht von seiner äußeren Erscheinung ab und sucht allein die innere Schönheit."

Plotin erläutert das:

"Wie kommt es, daß ihr bei der Schönheit der Seele, wenn ihr euch selbst als innerlich schön erblickt, in heftige Erregung geratet und in lauten Jubel ausbrecht, daß ihr meint, von den Banden der Körperhülle befreit mit dem als schön Geschauten in Gemeinschaft und Liebesverkehr zu treten?

Dies sind wirklich die Empfindungen derer, die wahrhaft lieben. Gegenstand solcher Empfindungen ist die Seele selbst und das reine formlose Licht der Weisheit und der übrigen Tugenden, die Hochherzigkeit, gerechte Gesinntheit, die ernst blickende Tapferkeit, der würdige Anstand und das züchtige Wesen, das aus einer ruhigen, von keiner Leidenschaft bewegten Stimmung emporblüht, und über all dem das Leuchten der gottgleichen Vernunft."

*

 

 

Und wie gelangt man zu solcher Anschauung der unsichtbaren inneren Schönheit, ,jener Schönheit, die, ewig im innersten Heiligtum verharrend, nie dessen Schwelle überschreitet, damit kein Uneingeweihter sie erblickt"?

"Man kehre ein in sein Inneres und sehe sich nicht mehr um nach dem, was einem vormals als schöne Körperlichkeit erschien... Man muß die leiblichen Augen schließen und das innere Auge öffnen, das wir zwar aIle besitzen, das aber die wenigsten gebrauchen...

Ziehe dich ganz in dich selbst zurück und betrachte dich in deinem wahren Wesen. Und wenn du dich selbst noch nicht als schön erblickst, so mache es wie der Bildhauer: wie er von der Statue, so meißle du von dir alles Überflüssige, Störende hinweg, glätte bald hier, säubere bald dort, mache das Krumme gerade, erhelle das Dunkle, laß es rein werden, kurz: lasse nicht nach, an deinem Selbstbildnis zu arbeiten, bis der göttliche Glanz der Tugend dir entgegenstrahlt, bis du die Weisheit erblickst, die auf heiligen Gründen wandelt...

Bist du selbst so geworden, ganz das wahre einzige Licht, durch eine Gestalt in enge Grenzen gezwängt, größer als jedes endliche Maß und erhabener als jede Vielheit, wenn du dich, so geworden, erblickst, dann hast du die innere Sehkraft erlangt: voll Vertrauen schreite dann weiter vor. Du bedarfst dabei keines Führers...

Wer sehen will, muß ein Auge besitzen, das dem zu sehenden Gegenstand verwandt und ähnlich ist. Nie hätte das Auge jemals die Sonne erblickt, wenn es nicht seIber sonnenhaft wäre. So kann auch die Seele das Schöne nur sehen, weil sie selbst schön ist. Und es muß, wer das Gute und Schöne sehen will, zuerst Gott nah und schön werden...

Zum Geist emporgekehrt, wird die Seele schön in dem ihr möglichen Grade der Vollkommenheit. Der Geist und was vom Geiste ausgeht, ist die der Seele ursprüngliche und ureigene Schönheit, wobei alles Wesensfremde ausgeschlossen ist. Daher heißt es mit Recht: wenn die Seele gut und schön wird, wird sie Gott ähnlich, weil von ihm das Schöne und der bessere Teil des Seienden stammt; besser gesagt: das Seiende selbst, welches die Schönheit ist."

Statt zum Schönen können wir uns, wie Plotin betont, genauso emporheben zum Guten, nach dem jede Seele sich sehnt, und es zum Gegenstand unseres Strebens machen:

"Man erreicht es, wenn man zum Höheren emporsteigt, sich ihm gänzlich zuwendet und all das ablegt, was man einst, beim Herabsteigen in die Materie, angelegt hatte. So muß auch, wer in den Mysterien das Allerheiligste betritt, seine Kleidung ablegen und vollkommen nackt herantreten. Gleichermaßen muß die Seele alles, was dem Göttlichen  fremd ist, von sich abstreifen und allein mit ihrem all-einigen Selbst das Göttliche in seiner All-Einheit schauen als lauter, einfach und rein, als das, wodurch alles bedingt ist, worauf alles hinblickt, worin alles lebt und denkt. Denn es ist die Ursache des Lebens, des Geistes, des Seins...

Wer es schaut, den erfüllt freudiges Staunen, ihn erfüllt ein Schrecken, welcher aber nichts Verzehrendes hat. Er liebt in wahrer Liebe und heftiger Sehnsucht, er verachtet alles andere Lieben und alles, was er früher für schön hielt...

Das ist in etwa die Empfindung derer, denen eine Erscheinung von Göttern oder Geistern zuteil wurde. Was muß aber erst der empfinden, der das absolut Schöne, das Gute in seiner an und für sich seienden Reinheit schaut, ohne vergängliche Hülle, an keinen Raum der Erde oder des Himmels gebunden!...

Wer jenes schaut und in seinem Anblick verharrt und es genießt, indem er ihm ähnlich wird - welcher Schönheit sollte er noch bedürfen? Es ist ja eben diese Urschönheit, welche aIle, die es lieben, schön und liebenswert macht. Selig, wer es erreicht hat, wer zum wahren Schauen des seligen Anblicks gelangt ist.

 

 

Schauspiel des Lebens

 

Wir haben gelernt, bei der Schönheit von der bestandlosen Vergänglichkeit der äußeren Formen weg- und auf die innere VolIkommenheit zu blicken. Wir erheben uns damit über die Unzulänglichkeiten der Außenwelt und schöpfen, als Weise, Gelassenheit, Schönheit und Kraft aus der unvergänglichen inneren Welt, der wir unserem Wesen nach angehören.

Gleich gelassen sollten wir uns im Schauspiel des Lebens den äußeren Dingen und den Wandlungen der Geschicke gegenüber verhalten - als Weise, die wissen, daß alles ÄuBere, Unglück wie Glück, Leid wie Freude nur ein Schatten oder Abglanz des wahren Guten ist:

"Der Weise genießt das Gute und das Schöne, auch wenn er handelt, nicht, weil er handelt, noch aus dem Erfolg der Handlung, sondern aus dem, was er in sich selbst besitzt. Sein Glück ist nicht von Zeit und Umständen abhängig, da es immer als gegenwärtiges erfahren wird. Dieser dauernde Zustand der Seele ist der Quell des Glücks und der Freude...

Das Glück in die Handlungen setzen heißt es von Dingen abhängig machen, die außerhalb der Tugend und der Seele liegen. Nehmen wir zwei Weise an, von denen der eine alles äußere Gut besitzt, während der andere sich in entgegengesetzter Lage befindet: können wir behaupten, beide seien gleich glücklich? JawohI, wenn sie gleich weise sind...

Die meisten betrachten einen Glücklichen nach dem Maßstab ihrer Schwachheit und halten für schlimm und furchtbar, was der Weise und Glückliche nicht dafür hält. Er wäre ja auch weder weise noch glücklich, wenn er nicht alle Einbildungen über diese Dinge ablegte und, gleichsam ein neuer Mensch geworden, das feste Vertrauen zu sich selbst hätte, daß ihn nie ein wirkliches Unglück treffen könne. Dadurch wird er auch furchtlos sein in jeder Hinsicht. Fürchtet er noch etwas, so ist seine Tugend und Weisheit noch unvollkommen, seine Wahrheit nur haIb...

Desungeachtet ist der Weise weder freudlos noch schroff in seinem Wesen. Hart ist er nur gegen sich selbst und in seinen Angelegenheiten. Was er besitzt, teilt er auch seinen Freunden gern mit."

Plotin versteht unter Tugend die Tauglichkeit zur Gott-Annäherung und Gott- Vereinung. Sie wirkt sich im Alltag als Gelassenheit und Überlegenheit gegenüber den Wechselfällen des Daseins aus.

Dabei vergleicht Plotin wie schon Platon das Leben einem Schauspiel. Während aber Platon aus diesem Vergleich die Lehre zieht, daß es gelte, wie ein guter Schauspieler die Rolle, die die göttliche Regie einem zugeteilt hat, gut zu spielen in dem BewuBtsein, daß die Rollen wechseln und daß aIles Äußere nur Schein ist, geht Plotin einen Schritt weiter: er sieht im Schauspiel des Lebens das Symbolhafte, gibt ihm eine tiefere ethische und esoterische Sinndeutung: Man dürfe, sagt er, die Vorsehung oder den Regisseur des Lebensspiels nicht tadeln, weil so vieles im Leben nicht schön sei, wie man auch ein Drama nicht tadelt, weil nicht lauter HeIden darin auftreten, da auch die geringeren Charaktere und die unguten Geschehnisse zur Vollendung des Dramas beitragen.

 

Und was ist mit dem Leid und dem Sterben?

 

Nach Plotin kehrt ein Wesen, wenn es vernichtet wird, in anderer Form ins Dasein zurück, was für die Tiere (nein, siehe ) ebenso gilt wie für die Menschen:

"Es ist geradeso, wie wenn auf der Bühne der ermordete Schauspieler seine Kleidung wechselt und in einer anderen Maske wieder auftritt, also in Wirklichkeit gar nicht gestorben ist. Ist nun das Sterben ein Wechsel des Leibes wie dort auf der Bühne ein Wechsel der Kleidung, was solI dann ein derartiger Übergang Schlimmes an sich haben? ...

Auch die Kämpfe, welche die sterblichen Menschen miteinander führen, zeigen uns, daß alles menschliche Leben nur ein Spiel ist und daß der Tod nichts Schreckliches an sich hat. Stirbt man im Krieg, nimmt man nur ein wenig von dem vorweg, was im Alter doch geschieht: man verlegt den Schauplatz des Daseins etwas früher, um ihn auch früher wieder zu betreten...(Zur Reinkarnation: Die christliche Theosophie; Kap. 141-145 – Es gibt aber auch andere Reinigungsstätten für unsere Seele nach dem irdischen Tod: Himmlische  Geheimnisse Himmel und Hölle)

Und werden wir im Leben unseres Reichtums beraubt, sollten wir daran denken, daß er uns früher auch nicht gehört hat und daß sein Besitz auch für den Räuber lächerlich ist, da er auch ihm wieder von anderen entrissen wird...

Auch die Morde, die verschiedenen Todesarten, die Eroberungen und Plünderungen von Städten muß man, wie auf der Theaterbühne, als Veränderungen und Szenenwechsel, als bloße Darstellungen von Jammer und Wehklagen betrachten, denn auch hier ist es wie auf der Bühne nicht der innere Mensch, die Seele, sondern nur ihre Maske, ihr Schatten, der äußere Mensch, welcher klagt und jammert und die Welt zur Bühne eines ungeheuren Dramas macht...

Der wahrhaft ernste und wache Mensch durchschaut das Spiel und bemüht sich ernstlich um ernste Dinge; die anderen spielen bloß. Und wenn ein ernster Mensch an ihrem Spiel teilnimmt, möge er sich wenigstens bewußt bleiben, daß er in das Spiel von Kindern hineingeraten ist."

 

Und die praktischen Konsequenzen aus dieser Einsicht?

 

"In der Welt hat der Gute wie der Schlechte seinen Platz, der ihm seiner Natur nach zukommt. Beide wählen ihrer Natur und ihrem Charakter entsprechend den für sie passenden Platz, und jeder behauptet sich an dem, den er gewählt hat. Dementsprechend vollbringt der eine gottlose Reden und Taten, der andere entgegengesetzte. Es haben und behalten ja auch, vor dem Drama, die Schauspieler ihren jeweiligen Charakter...

In den von Menschen geschaffenen Dramen gibt der Dichter die Worte. Die Schauspieler sind von sich aus nur für die gute oder schlechte Art ihres Spiels verantwortlich, denn ihre Aufgabe besteht nicht bloß darin, die Worte des Dichters herzusagen...

 

In dem wahrhaften Drama der Welt jedoch ist die Seele der Schauspieler; was sie aber darstellt, empfing sie vom Schöpfer...

 

Wie die Schauspieler im Drama ihre Masken, ihre Kleidung, seien es Prunkgewänder oder Lumpen, empfangen, so empfängt die Seele im Weltendrama ihr Schicksal keineswegs willkürlich, es entspricht vielmehr genau ihrem Charakter. Und indem sie sich anpaßt, spielt sie ihre Rolle in dem von der Weltvernunft geleiteten Drama...

 

Die Stimme und die schöne oder häßliche Gestalt des Schauspielers erhöhen entweder die Schönheit der Dichtung oder er kann, wenn er seine Rolle schlecht spielt, zwar das Stück nicht anders machen, erweist aber sich selbst als Stümper und wird vom Dichter des Dramas mit verdientem Tadel entlassen oder für unbedeutendere Rollen verwendet, während der Gute zu höheren Ehren geführt und in größeren, schöneren Dramen verwendet wird...

 

Ebenso trat auch die Seele in das Weltdrama der Schöpfung hinein. Sie übernimmt eine Rolle, bringt für die Darstellung den ihr angeborenen guten oder schlechten Charakter mit, wird bei ihrem Auftritt unter die anderen Spieler eingereiht, erhält alles andere mit Rücksicht auf ihre Person und ihre Leistungen und trägt endlich Ehre oder Strafe davon."

Wenn nun der Mensch als Mitspieler im göttlichen Weltenschauspiel den äußeren Dingen und Umständen zuviel Teilnahme und Ehre erweist, wird er unfähig, den Sinn des Ganzen und dahinter den göttlich-guten Leitgedanken zu erfassen und Gott durch sich wirken zu lassen. Alsdann ist keine Einswerdung mit dem Einen möglich.

Darum der Rat Plotins, sich im Ablauf des Lebensschauspiels nicht von "Übeln und Schwierigkeiten überraschen oder enttäuschen zu lassen oder zu klagen, wenn man eine geringere Rolle übernehmen mußte, da auch die geringste zur Vollendung des Ganzen gehört und auf die Höherentfaltung des einzelnen abzielt. Vielmehr gelte es, sich dem äußeren Dasein bis zum letzten Augenblick des Abtretens von der Lebensbühne überlegen zu fühlen, also auch beim Wechsel des Leibes, der dem Wechsel der Masken und Gewänder auf der Bühne entspricht.

(Die Erde ist eine Schulungsstätte für Seine gefallenen Kinder!)

 

Insgesamt ist es menschliche Aufgabe, sich immer dessen bewußt zu bleiben, daß Gott der Dichter des Lebensspiels ist, dem Schuld und Schicksal, Leid und Glück als Mittel des Fortschritts der Handlung wie der Wesen dienen, weshalb es nach Plotin gilt, aus der einmal gegebenen Rolle das Bestmögliche zu machen. Denn alles, was geschieht entspricht der zugemessenen Rolle und ist zur Vollendung notwendig und zudem ein harmonischer Teil des Ganzen.

Wer seine Rolle gut spielt, sieht sich im weiteren mit schöneren, bedeutenderen Rollen belohnt. Zudem bringt ja jeder bei der Übernahme einer Rolle alle guten und schlechten Anlagen, die er in früheren Lebensrollen entfaItete, mit, um sich weiter zu vervollkommnen auf der Bühne des Lebens, die das ganze Universum umfaßt.

Jeder wird da, wo er steht, und mit dem, was er ist, hat und tut, gebraucht und ist unentbehrlich für das Ganze.

 

 

Vom Wesen des Schicksals

 

Der Weise bejaht die Welt und alle Dinge und Geschehnisse in ihr im Blick auf den Allentwicklungsplan als so vorgesehen und gut. Wenn Plotin in diesem Sinne von Vorsehung spricht, will er das dahin verstanden wissen, daß der sichtbaren Welt eine geistige Welt als Vorbild zugrundeliegt. Die Vorsehung wirkt gewissermaßen von dieser höheren Welt herab und verteilt die Gaben nach den Aufgaben der einzelnen Wesen oder die Aufgaben nach den Gaben:

"Es ist wie bei einem Organismus, dessen Teile miteinander vom ersten bis zum letzten in durchgehendem Zusammenhang stehen. Jedes hat seine besondere Funktion und erfüllt seine Aufgabe, die ihm zukommt, und immer in Verbindung mit dem gesamten Organismus. Alles zusammen bildet eine Einheit, und die Vorsehung wirkt das gemeinsame Wohl...

Es ist darum unweise, Bestand und Ablauf des Ganzen einem blinden Ungefähr und Zufall zuzuschreiben. Aber da es viele Dinge gibt, die man nicht als gut empfindet, zweifelt man an der Vorsehung, leugnet sie oder meint gar, dass die Welt von einem schlechten Schöpfer stamme... Aber wer die Welt tadelt, sieht nicht tief genug...

Das Wirken der Vorsehung ist nicht so, als ob wir nichts seien. Sie erhält jedes Wesen in seinem besonderen Dasein und beeinflußt sein Leben ihrem Gesetz entsprechend, so daß es tut, was dieses Gesetz verlangt. Dies Gesetz bestimmt aber, daß der Mensch, der das Gute in sich entfaltet, ein gutes Leben hat und daß ihm auch für die Zukunft ein solches bevorsteht, während den bösen Menschen das Gegenteil erwartet. Gleichwohl läßt die Vorsehung keinen an der Stelle, an der er seine Rolle spielt, zugrundegehen, vielmehr zieht sie ihn zu sich empor durch allerlei Mittel, deren sich das Göttliche bedient, um der Tugend immer mehr zum Siege zu verhelfen...

Der Mensch ist also insoweit ein schönes Geschöpf, als er schön zu sein vermag, und im Zusammenhang mit dem Ganzen betrachtet, hat er ein besseres Los als die anderen Lebewesen auf Erden. Im Blick darauf tun die Edlen dankbar das Gute und Schöne in freier Selbstbestimmung; die anderen nur, wenn die Leidenschaften sie aufatmen lassen."

Nun wird, wie Plotin hinzufügt, hier manchmal die Frage gestellt, warum unverdientermaßen einem Guten Böses widerfahre und einem Schlechten Gutes? Er antwortet darauf:

"Für den Guten gibt es kein Übel und für den Schlechten kein Gut. Auch Armut und Krankheit sind für den Guten ohne Bedeutung, für den Schlechten sogar förderlich.

Zudem kann man Krankheiten nicht entgehen, solange man einen Körper hat. Im übrigen dient, von der Warte des Geistes aus gesehen, alles, was geschieht, der Veredelung des Menschen und dem Wohl des Ganzen...

Leidet der Gute Schmerzen, wird er sie, auch wenn sie heftig sind, ertragen, solange er kann. Gehen sie über seine Kraft, werden sie ihn mit sich hinwegraffen. Auf jeden Fall wird er mit seinem Schmerz nie das Mitleid anderer zu erregen suchen, sondern das Licht in seinem Innern wird sein wie das Licht auf dem Leuchtturm, wenn draußen in gewaltigem Toben der Sturm und die Wetter tosen."

Der Gute wird auch nicht in Gebeten um Gutes bitten, denn Gottes Wesen und Wille ist ja das Gute. Er begnügt sich damit, ihm von Herzen für seine Gegenwart und sein hilfreiches Wirken zu danken. Durch Dank und Hingabe macht er sich, wie Plotin sagt, für den Einstrom des Guten aufgeschlossen und empfangsbereit.

Der Mensch, der aus dem Geiste lebt, ist weitgehend vor Unheil geschützt. Es verliert in seinem geistigen Umkreis aIle Macht. Für den Guten sind zudem auch die scheinbar ungerechten Zufälle keine Übel, da er sie als zur Ordnung des Ganzen gehörig betrachtet oder auch als Sühnungen früherer Vergehen gegen die Harmonie des Ganzen. Er weiß, daß nichts ohne Ursache geschieht. Er blickt auf die jeweils zugrundeliegenden Ursachen und erkennt hinter ihnen eine erste Ursache, die alles durchdringt, bewegt und hervorbringt.

Er nennt sie das Schicksal: "Jene Verkettung von Ursachen und Wirkungen untereinander, die ein zusammenhängendes bis zur ersten Ursache reichendes Band bilden, wobei die späteren Ursachen stets auf die früheren folgen und auf deren Ursachen zurückgehen."

Die Seele nun ist nach Plotin ein ebenbürtiges Prinzip in der allgemeinen Verkettung aller Dinge und Geschicke. Denn "sie geht nicht wie alles übrige aus einem Keim oder einer Ursache hervor, sondern ist selbst eine von Anbeginn an wirkende Ursache (nein, sie hat einen Anfang, sie wurde vom himmlischen Vater ins Leben gerufen - siehe Band 1 der Haushaltung Gottes von Jakob Lorber). Sie ist ihre eigene Herrin (wenn der Regent der Geburtsgeist geworfen ist) und frei und unabhängig von den die Welt bestimmenden Ursachen. Aber aus ihrer Bahn in den Körper herabgezogen, ist sie nicht mehr in alIen Stücken ihre eigene Herrin, da sie nun mit den anderen Dingen zu einer Ordnung verbunden ist. Sie gehorcht bei ihrer Tätigkeit bald äußeren Gefühlen, bald beherrscht sie dieselben und leitet sie nach ihrem Willen, und zwar herrscht die bessere (obere) Seele mehr, die schlechte (untere) weniger. Denn die letztere ist Begierden und Leidenschaften unterworfen, wird niedrig in der Armut, weichlich im Reichtum, tyrannisch im Besitz der Macht. Die obere Seele dagegen, die gutgeartete, leistet auch den äußeren Umständen Widerstand, gestaltet das eine und erträgt das andere, ohne schlecht zu werden."

 

 

Freiheit

 

Damit berührt Plotin die Frage nach der Freiheit des Menschen, die er wiederum mit dem Hinweis auf die von jedem Wesen gespielte Rolle auf der Bühne des Lebens beantwortet:

"Die Seele als Schauspieler hat insofern etwas voraus, als sie auf einem weit größeren Schauplatz als dem der Bühne ihre Rolle spielt. Der Schöpfer hat ihr das ganze Universum zur Verfügung gestellt. Sie besitzt größere Freiheit in der Wahl ihres Orts, wobei jede Seele den Platz einnimmt, den sie verdient. Und das Weltall offenbart sich als schön, wenn jede zur Harmonie des Ganzen beiträgt, indem sie ihre eigene Rolle gut spielt, auch wenn diese gering oder unbefriedigend ist. Auch der Schwächste trägt zur Harmonie des Ganzen bei."

Doch wie unweise handeln die meisten:

"Wenn widrige Geschicke, Notwendigkeiten oder heftige Leidenschaften die Seelen fesseln oder umhertreiben, betrachten sie sich als von diesen gleichsam beherrscht, fühlen sich ihnen unterworfen, sehen sich von ihnen fortgerissen; und dann fragen sie sich, ob sie einen freien Willen besitzen als etwas, was ihren Entschlüssen gehorcht und nur insoweit geschieht oder nicht geschieht, als sie es wollen...

Im letzten aber ist alles freiwillig, und es steht in jedes Wesens Macht, etwas zu tun oder  zu unterlassen. Wer natürlich durch seine Phantasie, die Empfindungen seines Körpers, durch seine Bedürfnisse nach Speise, Trank und sinnlichen Genüssen geleitet wird, dem kann man die Freiheit der eigenen Entscheidung nicht zuschreiben. Darum kann auch bei schlechten Menschen, die fast nur hiernach handeln, weder vom freien Willen noch von Freiheit geredet werden; wohl hingegen bei dem, der, befreit von den Leidenschaften des Körpers, nur durch den Geist zu seinen Handlungen bestimmt wird. Ihm ist ein freier Wille zuzuerkennen...

Wir führen also die Freiheit auf das höchste Prinzip zurück, auf die Tätigkeit des Geistes: wir betrachten als wirklich frei nur die Entscheidung, die vom Geiste stammt, und als freiwillig nur das Verlangen, das der Geist entfacht. Diese Freiheit ist es, die den Göttern eignet. Denn sie leben im Einklang mit dem Geiste und mit dem Verlangen, das der Geist entfacht...

Es leuchtet daher ein, wenn wir sagen: Das lmmaterielle ist das Freie, und darauf bezieht sich der freie Wille, dies ist das herrschende und auf sich selbst beruhende Wollen, auch wenn auf das Äußere gerichteter Entschluß aus Notwendigkeit hinzukommt. Was aus diesem Willen hervorgeht, das hängt von uns ab und ist frei...

Der betrachtende Geist besitzt die erste Entscheidung, weil sein Wirken niemals von einem anderen abhängt, sondern weil er ganz auf sich selbst bezogen ist, weil er sein Werk seIber ist, weil er im Guten ruht ohne Mangel, in aller Fülle...

Die Seele ist also frei, soweit sie durch den Geist nach dem Guten strebt. Was sie tut, um dahin zu gelangen, ist ihr freier Wille. Der Geist ist frei durch sich selbst (nein, Gott hat sie uns geschenkt, sonst wären wir nur Marionetten).

 

Von Wandel und Wiederkehr

 

Der freie Wille der Seele führte sie am Beginn alles Werdens aus der Gottheit in die geistigen Welten und aus dem himmlischen Reich in das der Materie und der Körperlichkeit. Die herabsteigende Seele besitzt in sich selbst die Ursache, die ihr ihre Stellung ebenso wie ihre Gaben und Aufgaben zuweist.(Aus ihrem göttlichen Geburtsgeist = Weisheitsgeist, der sich im Laufe des irdischen Lebens wieder mit dem Liebegeist verbinden soll. Denn Liebe und Weisheit wurden  mit dem Fall getrennt )

 

Sie tut recht, wenn sie die Verkörperung auch als Aufgabe wertet mit dem Ziel der Veredelung, Vergeistigung und Vervollkommnung auch der stofflichen Welt durch fortschreitende Selbstoffenbarung des Göttlichen in der Seele.

Schließlich ist ihre Werdelust und ihr Selbstverwirklichungsstreben göttliches Schöpfertum, Selbstoffenbarungswille des Göttlich-Guten.

"Alles, was sich im Bereich der Sinnenwelt gestaltet und verändert, formt und wandelt sich nicht zufällig, sondern so, wie es schön ist und sich ziemt für das Schaffen göttlicher Kräfte."

Aber um dieses Sichauswirken des selbstgeschaffenen Schicksals zu verstehen, muß man, wie Plotin sagt, "nicht nur auf den gegenwärtigen Zustand allein blicken, sondern auch auf die vergangenen Leben und ebenso auf die Zukunft, um die tieferen Zusammenhänge und die aufwärtsführende Linie in allem Geschehen zu erkennen. Dann zeigt sich, daß Seelen, die im vergangenen Leben Herren waren, im künftigen Dasein Sklaven werden...

Das ist ihnen so nützlich. Ebenso: wer seinen Reichtum schlecht angewandt hat, wird arm. Wer getötet hat, wird wieder getötet, leidet mithin gerecht, mag es auch für den der es tut, ungerecht sein; denn schließlich wird der, welcher leiden solI, mit dem zusammengeführt, der sich dazu eignet, jenem das gebührende Leid zuzufügen...(Karma, siehe: Nrn. 129-140 in Die christliche Theosophie)

Man glaube doch nicht, daß jemand zufällig ein Sklave sei, zufällig in Gefangenschaft gerate oder grundlos, etwa in einem Kriege, Unbill an Leib und Leben erleide. Er hat vielmehr einst getan, was er heute erleidet... Wer etwa einem Weibe Gewalt angetan hat, wird als Weib wiedergeboren, um zu erfahren, was es heißt, ein Opfer der Gewalt zu werden... Dies meint das heilige Wort 'Adrastea' (die Unentrinnbare). Sie ist in Wahrheit Gerechtigkeit und wunderbare Weisheit."

Plotin erläutert dies weiter:

"Übel, die wir erfahren, sind weithin Folgen früherer Handlungen, und zwar notwendige Folgen. Sie gehen aus von Ursachen, zu denen wir nicht von der Vorsehung genötigt waren, sondern aus Ursachen, die wir selbst schufen...

Jede Seele ist zwar der Möglichkeit nach alles, der Wirklichkeit nach aber nur das, wozu sie sich entwickelt. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Seelen, die Verschiedenheiten der körperlichen Konstitution wie der Sitten und der Denkrichtung entsprechen ihrem Leben in früheren Existenzen. Denn nach ihrem früheren Sein, sagt Platon, bestimmt sich die Wahl für die Seele...

Man kann die Charaktere der verschiedenen Menschen auf ihre früheren Leben zurückführen. Wenn eine Seele damals schwächer geworden ist, wird sie auch späterhin schwächer in ihrer Ausstrahlung. Und wenn sie Unrecht tat, liegt die Vergeltung schon darin, daß sie durch die schlechte Tat sich selbst schädigt und an einen schlechteren Platz stellt, denn sie kann sich dem nicht entziehen, was im Gesetz des Ganzen bestimmt ist...

Im Himmel zwar ist alles bleibend und unbeweglich (nein, sie Himmlische Geheimnisse- östliches Denken). Aber in der sinnlichen Welt wechseln die Seelen ihre Körper und umhüllen sich bald mit dieser, bald mit jener Leibesform. Aber sie haben immer die Möglichkeit, wieder aus dem  Bereich des Werdens herauszutreten und in den himmlischen Reichen zu weilen."

Nach Plotin folgen diese Verkörperungen der Seele einander wie Träume, weshalb sie auch wie Träume gewertet werden solIten. Teil eines Traumes ist es, wenn die Seele in der geistigen Welt ihre Zeit gekommen fühlt, herabsteigt und sich den Körper baut, der ihrem Wesen entspricht. Für die Seele selbst scheint das die einzige Wirklichkeit zu sein:

"Jede Seele tritt in den Körper ein, der ihrer Beschaffenheit angemessen ist. Was man die 'unentrinnbare Notwendigkeit', die göttliche Gerechtigkeit nennt, besteht in der Herrschaft der Natur, welche jede Seele ordnungsgemäß in das körperliche Abbild übergehen läßt, das ihrer Neigung und Beschaffenheit gemäß ist...

Es bedarf also keiner besonderen Absendung und Einführung, weder, wenn die Seele zu einer gewissen Zeit in den Körper gelangt, noch, damit sie gerade in diesen bestimmten Körper gelangt; sondern, wenn der Zeitpunkt da ist, steigt sie wie von selbst herab und geht in das ein, wohin sie solI, wie auf den Ruf eines Herolds. Sie tritt in den Körper ein, der geeignet ist, sie aufzunehmen, als ob sie durch magische Gewalten und starke Anziehungskräfte in Bewegung gesetzt und getragen wird...

Die Seelen steigen weder gezwungen noch freiwillig herab.

Ihre Wahl entspricht ihrem natürlichen Trieb. Zugleich ist damit jeder Seele ein bestimmtes Schicksal zuerteilt: die eine erfüllt es in dieser Zeit, die andere in jener. Über jede einzelne waltet das allgemeine Gesetz, das nicht von außen her seine Wirkungen ausübt, sondern in den Dingen selbst wohnt, die ihm unterworfen sind. Wenn die Zeit gekommen ist, geschieht, was dies Gesetz will, indem die Seelen, in denen es wirkt, selbst seinen Willen vollziehen, da es sie antreibt und festbegründet in ihnen Kraft gewonnen hat und sie drängt und ihnen Mut einflößt und heftige Sehnsucht, dahin zu gelangen, wohin die innere Stimme sie zu gehen heißt." (Zum Schicksal ; zur Selbstgestaltung )

 

*

 

Plotin berührt damit den Umstand, daß die Seele einerseits nach der Geborgenheit in der geistigen Welt strebt, andererseits aber Vermögen, Strebungen und Kräfte mitbringt, die sie zur sinnlichen Welt hinziehen, "wie auch das Licht zwar an die Sonne gebunden ist, aber doch seine Strahlen auf die irdische Welt sendet. Solange die Seele sich mit der Weltseele vereint (falsch, ihr Geburtsgeist wird Regent) in der geistigen Welt befindet, lebt sie dort frei von Leid. Sowie sie aber diesen Zustand verläßt und sich der physischen Welt zuwendet (Regent werden die Sinne) und sich mit ihr vermischt, widerfährt ihr, daß sie gewissermaßen die Flügel verliert, weil sie den Zustand der Unberührbarkeit verlassen hat. Sie ist alsdann gefangen und gefesselt...

Wendet sie sich jedoch während ihrer Verkörperung dem Denken zu, der Selbstbesinnung, löst sie sich von den Fesseln und steigt empor, sobald sie infolge der Wiedererinnerung einen Ausgangspunkt für das Schauen des wahrhaft Seienden gewonnen hat.

Alsdann wird sich die Seele mehr oder minder deutlich des Traumcharakters ihrer Verkörperung bewußt. Sie erkennt dann auch, daß es "kein Widerspruch ist, wenn man sagt, das Herabsteigen der Seele geschehe freiwillig und doch zugleich auch unfreiwillig, da sie immer nur einer in ihrem eigenen Wesen begründeten Bewegung folgt."

Plotin beruft sich bei seinen Ausführungen über die Wiederkehr auf frühere Philosophen:

"Das Herabsteigen der Seele in die Körperlichkeit ist nach Empedokles Gesetz für die sündige Seele. Er selbst, sagt er, sei von Gott abtrünnig geworden und deshalb hierher gekommen. Er spricht damit dasselbe in klarer und verständlicher Form aus, was Pythagoras und seine Anhänger in schwerer verständlichen Ausdrücken dargelegt haben.

Doch ist auch die Redeweise des Empedokles noch unklar, da er sich der poetischen Sprache bedient. So bleibt uns noch der göttliche Platon, dessen Werke viele herrliche Aussprüche über die Seele und ihren Abstieg in den Körper enthalten.

Was sagt er darüber? ...

Im allgemeinen verachtet er die sinnliche Welt, beklagt die Gemeinschaft der Seele mit dem Körper und behauplet, eine tiefe Wahrheit liege in dem Wort der Mysterien, nach dem die Seele sich hienieden in der Gefangenschaft befindet. - Im Timaios hingegen äußert er sich lobend über die Welt und sagt, die Seelen seien der Welt vom Schöpfer verliehen worden, damit diese vernunftbegabt werde. Die Seelen wurden in die Welt entsandt, damit alles vollkommen werde...

Nach Platon ist es also für die Seele nicht unter alIen Umständen ein Übel, einem Körper das Sein und die Vollkommenheit mitzuteilen, weil nicht jede Art von Fürsorge für das Niedrigere dem Fürsorgenden das Verharren im Zustand der Vollkommenheit raubt...

Die Seele gerät danach, obwohl göttlichen Wesens und der geistigen Welt angehörend, durch freiwillige Neigung in die Körperwelt zu dem Zweck, ihre Kräfte zu entfalten und das, was unter ihr ist, damit zu veredeln, zu schmücken und emporzuheben...

Entflieht sie dann wieder so schnell wie möglich aus dieser Welt (ohne sich allzusehr an sie gebunden zu haben), so hat sie kaum Schaden genommen, sondern die in ihr liegenden Kräfte offenbart und ihre Wirksamkeit und Tätigkeit sehen lassen. Diese Kräfte wären ja zwecklos, wenn sie ewig im Unkörperlichen schlummern würden; es bliebe dann auch der Seele ihr eigenes Vermögen verborgen, da es nicht zur Entfaltung und Erscheinung kam. Die Verwirklichung erst zeigt das Vermögen, das sonst im Dunkel bliebe. Erst in der Mannigfaltigkeit der äußeren Wirkungen erkennt man mit Staunen die Größe des inneren Wesens entsprechend den schönen Ergebnissen seiner Tätigkeit...

Doch auch wenn der Weise die Trughaftigkeit des Sinnendaseins durchschaut und das Leben geringschätzt, wird er doch nicht seine Seele vorzeitig zum Verlassen des Körpers zwingen. Er wird sie vielmehr warten lassen, bis der Körper sich von ihr trennt. Denn kein Weg oder Mittel, den Auszug der Seele aus dem Körper zu beschleunigen, ist der Seele zuträglich. Wenn eines jeden Lebenszeit vom Schicksal bestimmt ist, ist es vor dem Ablauf nicht wohlgetan, etwas zur Abkürzung dieser Zeit zu unternehmen; es müßte dann eine absolute Notwendigkeit hierzu vorliegen...

Auch weil der Zustand im Jenseits für die Seele von ihrer Beschaffenheit beim Tode abhängt, darf man den Übergang der Seele aus dem Körper nicht gewaltsam herbeiführen, solange noch eine Vervollkommnung der Seele in diesem Leben möglich ist."

Plotin faßt diesen Gedanken im Blick auf die hohe Bestimmung der Seele wie folgt zusammen:

"Darf ich es wagen, im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung frei und bestimmt zu erklären, wovon ich überzeugt bin? Ich meine, unsere Seele taucht nicht völlig in den Körper ein, sondern ihr besserer Teil befindet sich zu jeder Zeit im geistigen Reich. Nur läßt uns der im Sinnlichen befindliche Teil, wenn er herrschend wird oder vielmehr beherrscht und verwirrt wird, nicht zur Erfassung dessen gelangen, was der bessere, höhere Teil der Seele erschaut. Denn der Inhalt unseres Denkens und Schauens gelangt nur dann in unser Bewußtsein, wenn er so weit herabkommt, daß er von ihm erfaßt wird. Wir erkennen aber gewöhnlich keinesfalls alles, was in irgendeinem Teil unserer Seele vorgeht. Jede Seele hat eben ein niederes, dem Körper zugewandtes und ein höheres, dem Geiste zugewandtes Vermögen."

Auch während ihrer Verkörperung bleibt die Seele nach Plotin Angehörige, Bürgerin der geistigen Welt, auch wenn sie sich dessen nicht bewußt ist. Sie kann dessen aber innewerden, wenn sie sich einwärts wendet. Alsdann weiß sie sich dem Vergehen und dem Tod überlegen.

Oft wird die Erkenntnis des Wahren und Guten erleichtert durch die Erfahrung des Bösen, besonders bei den Seelen, die zu schwach sind, als daß sie nur auf dem Wege der Selbstbesinnung zur Weisheit gelangen.

Doch geht Plotin nicht auf Einzelfragen der Wiederverkörperung ein, da ihm die Praxis, das Betreten des Pfades der Erleuchtung, wichtiger als dieses Wissen ist. Für ihn ist der Tod kein Übel, sondern Übergang zu Iichterem Sein:

"Zu einem Übel gehört doch einer, dem es widerfährt. Das Tote aber ist des Lebens beraubt, so daß es ebenso wenig ein Übel empfindet wie der Stein. Wenn aber Seele und Leben nach dem Tode weiterbestehen, so wäre der Übergang ja ein Gut, zumal die Seele ja dann ohne den Körper ihre Tätigkeit fortsetzt...

Wie es für die Götter nur Gutes gibt, so auch für die Seele, die ihre Reinheit bewahrt hat. Bewahrt sie sie aber nicht, so ist nicht der Tod ein Übel für sie, sondern das Leben. Und wenn es eine Strafe im Hades gibt, ist auch dort für sie das Dasein ein Übel, weil es kein reines Leben ist."

 

 

Unsterblichkeit

 

Plotin erkannte, wie der Weg der Seele von Leben zu Leben höher führt und wie dem Menschen auf diesem Wege seine Unvergänglichkeit allmählich bewußt wird. Diese Gewißheit ist kein Ergebnis philosophischer Erwägungen, sondern Frucht eigener Erfahrung: Folge der Selbsterkenntnis und inneren Wirklichkeitsschau.

Unsterblichkeit meint bei ihm nicht endlose Fortdauer in der Zeit, sondern einen überzeitIichen Zustand, in dem der Mensch sich mit dem geistigen Teil seines Wesens befindet - hier, jetzt und immer. So gewiß, sagt Plotin, "wie der leibIiche Teil des Menschen wird, sich wandelt und vergeht, so gewiß ist, daß sein geistiger Teil nicht vom Tode berührt wird. Denn er ist selbst das Lebensprinzip und als solches unzerstörbar...

Der Körper kann, weil er etwas Zusammengesetztes ist, nichts Bleibendes sein. Auch die sinnliche Wahrnehmung sieht, wie er sich ändert, auflöst, der Vernichtung anheimfäIlt. Soweit der Körper ein Teil von uns ist, sind wir nicht gänzlich unsterblich. Aber das herrschende Prinzip in uns, der innere Mensch, verhält sich zum Körper wie der Arbeiter zu seinem Werkzeug...

Die Seele hingegen ist ihrem Wesen nach Leben, unzerstörbares Leben. Daß sie der göttlichen Natur verwandt ist, geht aus ihrer Unkörperlichkeit hervor. AIle Seelen sind von demselben göttlichen Prinzip (Das göttliche Prinzip hat einen Namen, es ist der himmlische Vater, jeder andere Name ist eine Anmaßung derjenigen, die sein wollten wie Gott, aus sich selbst heraus, ohne den Vater. Er war für sie unsichtbar, aber zugegen; sie entfernten sich immer mehr von ihm, sodaß Er sie einfangen und zur Materie verdichten mußte; Urknall - auch eine falsche Betrachtungsweise! Es handelt sich um eine Implosion innerhalb Seiner geistigen Welt! Die sichtbare Schöpfung befindet sich darin und nicht außerhalb!) ausgegangen, haben das Leben als Wesensbestimmung und sind selbst unteilbare Wesenheiten geistiger Art...

Wer sich - in der Kontemplation - auf sich selbst als SeeIe besinnt, wird damit auch seiner Unsterblichkeit bewußt, wenn er sich selbst in der reinen Welt des Geistes schaut in seinem lichten geistigen Sein, strahlend in der vom Guten ausgehenden Wahrheit, seines Anteils am Göttlichen (hier wird wieder richtig formuliert, nur sind wir niemals aus uns autark, sondern dürfen nur wie die anderen Engel sein. die ohne Seinen Willen nichts tun.) bewußt."

Plotin leitet uns, wie wir im weiteren sehen, an, in diese kontemplativen Selbst-Besinnung immer weiter zu gehen, damit wir "die wahre Größe der Seele begreifen und erkennen, welch ein göttliches und bewundernswertes Wesen die Seele ist, die zu den über aIle Dinge erhabenen Naturen gehört...

Selbst ohne räumliche Größe, ist sie in jeder räumlichen Größe enthalten. Dabei bleibt sie zugleich ganz in sich selbst (auch falsch betrachtet, Seine Engel haben eine Form). Nur in Beziehung auf die Körper wird sie teilbar, da die Körper infolge ihrer eigenen Zusammengesetztheit und Teilbarkeit sie nicht ungeteilt aufnehmen können. Die Teilung ist also nur eine Affektion des Körpers, nicht der SeeIe."

Und wohin geht die Seele, nachdem sie den Körper verlassen hat?

"Sie bleibt immer in dem, was fähig ist, sie aufzunehmen. Da es verschiedene Orte gibt, an denen die Seele weilen könnte, ergibt sich der Unterschied in den verschiedenen Aufenthaltsstätten für die Seele durch ihre sittliche Beschaffenheit und auf Grund des sich auswirkenden Gesetzes der Gerechtigkeit. Keiner kann dem entgehen, was er wegen ungerechter Handlungen (während der Verkörperung) zu leiden schuldig ist, denn das göttliche Gesetz ist unvermeidlich und schließt die Vollziehung des bereits gefäIlten Urteils in sich ein...

Der Mensch, dem es bestimmt ist, Vergeltung für böse Taten zu erfahren, wird ohne sein Wissen zu dem hingetrieben, was er erdulden soIl. Er wird in rastloser Bewegung in seinen Irrtümern herumgetrieben. Zuletzt gibt er ermüdet den vergeblichen Kampf gegen das ihm bestimmte Schicksal auf und unterzieht sich durch freiwilliges Entgegenkommen den unfreiwilligen Leiden...

Endlich, infolge der in der Welt herrschenden Harmonie, trifft das Ende der Strafe mit der Fähigkeit seiner SeeIe zusammen, ihren bisherigen Aufenthaltsort zu verlassen...

Die Seelen hingegen, die rein sind und nichts Körperliches angenommen haben (= Engel), befinden sich da, wo die Wesenheiten und die Götter, das Sein und das Göttliche sind, d.h. in Gott. Fragst du noch, wo, so suche den Ort, wo jene sind, suche aber nicht mit den Augen und nicht außer dir! Denn alles ist innen."(Implosion!)

Eine weitere Frage ist, ob aIle Seelen sich an aIles oder einiges ihrer Vergangenheit erinnern, und wenn, wann diese Erinnerung eintritt. Plotin beantwortet auch diese Frage:

"Während der Verkörperung behält die Seele alles, was sie in derselben getan und gelitten hat. Aber mit der Zeit, gegen Ende des Lebens, stellen sich bisweilen andere Erinnerungen aus früheren Existenzen ein; doch läßt die Seele wohl manches davon aus Mißachtung ihrem Gedächtnis entschwinden. Aber vom Körper frei geworden, wird sie auch das, was sie in diesem Leben nicht mehr im Gedächtnis hatte, wieder erwerben...

In der Erinnerung der niederen Seele sind Erinnerungen an Freunde, an Weib und Kind, an das Vaterland und andere Dinge von einem gewissen Affekt begleitet, in der höheren Seele dagegen nicht. Je mehr die Seele danach trachtet, sich den höheren Welten zu nahen, desto mehr vergißt sie die Dinge und Geschehnisse der Körperwelt. Sie entflieht der Vielheit und wendet sich zu sich selbst und zur Einheit...

Dabei gewahrt sie, daß in der geistigen Welt statt der Zeit die zeitlose Ewigkeit herrscht und an die Stelle räumlicher Ferne das aIIgegenwärtige Beisammensein tritt. Darum ist, was immer sie hier ergreift, geistige Wesenheit. Sie hat an allem Leben teil, weil hier jedes aIles und vollkommen ist...

In den geistigen Welten leben die Wesen in seliger Muße im Gewißsein ihres Allseins. Das Licht der Wahrheit ist ihnen Mutter und Amme, Sein und Nahrung. Sie schauen aIles, aber nicht in seinem Werden, sondern in seinem Sein, und sie schauen sich selbst in den anderen. Alles ist dort klar und durchsichtig, kein Dunkel begrenzt den Blick, sondern jedes Wesen schaut sich selbst, durchdringt sich bis in den tiefsten Grund seines Wesens. Alles ist dort von Licht umflossen, und jedes Wesen faßt in sich selbst zugleich die ganze Welt und schaut sie wiederum ganz in jedem anderen Wesen. Darum ist alles überall, jedes ist dort alles und alles jedes, und unermeßlich ist der Glanz. Dort ist das vollendet Schöne und Gute...

Eines jeden Stätte ist sein eigenes Wesen; es selbst und die Umwelt, in der es sich befindet, ist ein und dasselbe, denn sein Wesen ist Geist. Das Schauen in diesem Reich ermüdet nie, holt nie auf. Es gibt dort weder Mangel noch Mannigfaltigkeit oder Verschiedenheit, so daß dem einen nicht gefallen könnte, was des andern ist. Unerschöpflich ist alles, und wer, sich selbst und das Gesehene als unbegrenzt schaut, folgt damit seiner eigenen Natur."

Aber auch diese geistige Welt ist noch nicht das Höchste und Letzte: (Hat doch eine Ahnung! Denken wir an die Ellipse)

"Was über die geistige Welt erhaben ist, ist das Eine selbst - ein unbegreifbares Wunder, dem man nicht einmal das Sein zuschreiben kann. Kein Name kann es umschreiben. Wenn man es überhaupt benennen will, mag man es schlicht das EINE oder das Göttliche nennen...(Jesus Christus, unser himmlische Vater!)

Die göttliche Welt breitet ihr Licht über die geistige Welt und die anderen Welten aus und erfüllt alles mit ihrem Glanz. Dieser Glanz scheucht die Seelen auf, die sich noch in den unteren Reichen befinden; aber diese wenden sich zumeist ab, weil sie nicht imstande sind, den Glanz zu ertragen, wie man auch mit den Körperaugen nicht in die Sonne sehen kann. Aber den geist- und lichtwärts gewandten Seelen gibt er die Kraft, zu schauen und das Licht der göttlichen Welt zu ertragen...

Der Glanz jener Welt ist die einer Blume gleich aufblühende Schönheit. Alles ist dort Farbe, alles Schönheit bis in die tiefsten Tiefen... Wer aber noch nicht das Ganze schaut, hält nur die Oberfläche für schön. Wer hingegen, vom Nektar trunken, seine Seele die ganze Schönheit jener Welt hat durchdringen lassen, der geht nicht mehr als einfacher Zuschauer davon, denn seine schauende Seele und die geschaute Welt sind nicht mehr zwei voneinander getrennte Dinge, sondern eins...

Läßt der Schauende aber jenes Bild, so schön es auch ist, beiseite und geht er ganz in sich selbst zurück, dann ist er zugleich alles und eins mit seinem Gott, soweit er kann und will... Kehrt er aber wieder in die Zweiheit zurück, ist er, wenn er rein bleibt, in des Gottes nächster Nähe und kann sich wieder mit ihm vereinen, wenn er sich aufs neue zu ihm wendet...

Bei dieser Hinwendung zu Gott hat er folgenden Gewinn: anfangs wird er seiner selbst inne, dringt er aber gänzlich in das Innerste ein, besitzt er alles und ist eins mit Gott. Wer das lernen will, muß sich ganz in das Innere einsenken und, statt zu schauen, selbst Anschauung eines anderen werden, strahlend im Glanz der Gedanken, die dort ihre Quelle haben...

In diesem Zustand unterliegt die Seele keinem Wechsel mehr, sondern sie ist unverwandt auf das geistige Schauen gerichtet und besitzt und behält zugleich ein Bewusstsein ihrer selbst, da sie mit dem Geistigen eins geworden ist. (Auch hier bitte daran denken: Plotin sieht aus dem ersten Kreis/Zentrum der Ellipse. Im 2. Kreis befindet sich unser Gottesfunken= Weisheitsgeist, noch getrennt vom Liebegeist [1. Kreis], der noch wie im Dornröschenschlaf ruht und erst wachgeküßt wird, wenn wir uns diesem Liebelicht in Jesus Christus zuwenden. Dies haben östliche Meister unterlassen und erlangen deswegen das göttliche Weisheitsbewußtsein im unendlichen Meer Seines Geistes. Sie erreichen den Zustand von Satana im ungefallenen Zustand. Aber hier befindet sich der für sie unsichtbare Gott des alten Bundes.  Niemand kommt zum Vater - der Liebe-Weisheit -, denn durch Mich, spricht Jesus!)

 

 

Kontemplation

 

Wer Plotin bis hierher gefolgt ist, wird eine Frage haben: Wie ist hier für mich Gewißheit möglich? Kann ich selbst zu dieser geistigen Schau gelangen?(Diese Frage ist doch gleichzusetzen mit der Frage: Wie gelange ich in den Zustand der nichtgefallenen Satana. Der Fragesteller möchte am liebsten gleich den Fall rückgängig machen, ohne die Schritte auf dem Weg zur geistigen Wiedergeburt zu vollziehen)

Plotin beantwortet diese Frage mit Ja und verweist auf den Weg der Kontemplation:(Er kennt Jesus nicht)

"Ich rede und schreibe nur, um auf den Höhenweg der Kontemplation hinzuweisen; auf dem man sich mit der Seele zum Göttlichen erhebt. Doch nur bis zum Wege selbst reicht alle Belehrung, die man hier geben kann. Die Schau muß dann selbst vollbringen, wer das Göttliche erkennen will."(Was erkennt er denn? Den persönlichen Gott? Oder nur das Meer Seiner göttlichen Weisheit?)

Der erste Schritt auf diesem Wege ist der des schweigenden Lauschens:

"Wie jemand, der lauscht, um einen bestimmten Laut zu vernehmen, sich alIen anderen Lauten verschließt und das Ohr spitzt auf den gewünschten Laut, so muß man seine Seele den Einwirkungen der Sinnenwelt verschließen und die zur Aufnahme geeignete Fähigkeit rein bewahren und bereit sein, die Stimme zu hören, die von oben kommt...

Um als Einsamer vor den AlI-Einsamen hinzutreten, ist Stille, Gestilltheit und Abgeschiedenheit nötig, Hinwendung zur eigenen Wesenstiefe und schweigende Selbst-Besinnung, damit die Seele sich als Ausstrahlung der Gottheit erkenne...(im Weisheitsmeer)

Die Seele schaut, wenn sie ganz in sich selbst zurückkehrt, die in ihr selbst errichteten göttlichen Bilder (sicher ist der Zustand der ungefallenen Satana beseeligend, der Vater hat sich ihr aber nicht gezeigt, um sie zu prüfen. Sie wollte dann sein wie Gott, verirrte sich und mußte samt Anhang zur Materie verdichtet werden), die sich im Laufe der Zeiten mit Rost bedeckt haben, jetzt aber wieder rein geworden sind. Von der Liebe zu Gott erfüllt, erkennt sie, daß sie das Höchste in sich trägt. Und wenn in ihr plötzlich das Licht aufflammt, weiß sie, daß sie das Göttliche schaut. Die Seele ist dann ganz ins Schauen versenkt. Sie blickt auf nichts als auf das absolut Schöne und Gute. Ihm gibt sie sich hin, still und unbewegt und von der göttlichen Kraft durchdrungen und erfüllt."(ja im nichtgefallenen Zustand)

Wenn Plotin von der Kontemplation sagt, sie sei stille Unbewegtheit des Geistes, bedeutet das nicht Untätigkeit. Kontemplation ist in Wahrheit höchste Tätigkeit: der Geist schafft das, worüber er meditiert. Sein und Wirken sind hier eins. AIle Schöpfung aus dem Geiste ist Frucht und Vollendung der Kontemplation: (so sprechen alle östlichen Meister)

"Wir führen in solcher Versenkung unsere Seele in das Reich des Geistes hinein. In diesem Zustand ist die Seele fähig zu zeigen, daß sie, Träger des Geistes, durch sich selbst ihn (ja nur den geistigen Zustand ohne persönlichen Gott) schauen kann. Man muß also die Seele, und zwar ihren göttlichen Teil, betrachten, wenn man das Wesen des Geistes (das Wesen des Geistes ohne persönlichen Gott?) erkennen will. Der Weg, dorthin zu gelangen, ist der der fortschreitenden Abstreifung alI dessen, was nicht Geist ist. Dazu gehört zuerst der Körper, das Körperbewußtsein, dann der Teil der Seele, der den Körper bildet, mitsamt den Sinnesempfindungen, Begierden und alIen Leidenschaften, welche zur Erde ziehen...

Was dann als Rest von der Seele übrigbleibt, ist der höhere Teil, den wir als Abbild des Geistes bezeichnen – ein Abbild, das jenes Licht des Geistes bewahrt, das zur Erleuchtung führt." (nur in das Meer seines Weisheitslichtes, aber nicht zum Vater)

 

 

Vom Wesen der Erleuchtung

 

Immer mehr nähern wir uns dem Zentrum dessen, wohin Plotin uns leiten will und wozu er uns verhelfen will.

AIle religiose Praxis, sagt er, ziele auf die höchste Glückseligkeit, die ein Mensch auf Erden zu erreichen vermag: auf die Erleuchtung. Allein aus der Weisheit, die in der kontemplativen Hingabe in ihr aufflammt, schöpft die Seele wahre Glückseligkeit.(Plotin kannte Jesus nicht, auch die nicht gefallene Satana war erleuchtet und sah den Vater nicht, sie war glückselig, aber fiel und blieb nicht so wie Seine anderen Erzengel)

Das bedeutet nicht Abkehr vom Leben, sondern die Erhöhung des Daseins durch bewußtes Leben aus dem Geiste. Erst dann wird deutlich, daß die Welt schön und gut ist, weil Widerschein und Abbild ihres Urbilds, des Geistes der Gottheit.(Wenn wir dabei nur auf Ihn blicken und sehen, wie Er - als das  Leben - alles nach oben - zu sich zurück führt)

Dieses Höchste, Absolute AII-Gute, Urschöne und EINE ist uns immer nahe (denn Er ist das Leben). In der kontemplativen Hingabe werden wir zu ihm emporgerissen und auf den Kamm der Woge des Geistes gehoben (allenfalls in den Zustand der nicht gefallenen Satana). Wir schauen dann und wissen doch nicht, wie. Die göttliche Vision überflutet unsere Augen mit Licht (seiner Weisheit). In dieser Hingerissenheit des Entrücktseins, in der Gott in seinem eigenen Glanz geschaut wird und Schauen und Geschautwerden eins sind , liegt die höchste Glückseligkeit (erkennt Plotin nicht, da er nicht Gott, sondern nur Seinen Glanz sieht), wie Plotin auf Grund seines eigenen Erlebens bekennt:

"In dieser Erleuchtung breitet die göttliche Welt über alles ihr Licht aus und erfüllt alles mit ihrem unendlichen Glanz - wie etwa Menschen, die einen hohen Berg besteigen, plötzlich, auf dem Gipfel, von dem goldenen Sonnenglanz umflossen scheinen, in dem sie sich bewegen...

Wenn einmal, gleichsam ganz und gar vom Nektar der Einheit trunken, die Seele von der Urschönheit dieser Welt durchdrungen ist, geht der Mensch, auch wenn dieser Glanz seine Augen nur für Augenblicke entzückt, nicht mehr als einfacher Zuschauer davon, weil seine schauende Seele das Geschaute in sich selbst gefunden hat. Aus beiden ist ein Geeintsein geworden.  Solchermaßen innerlich geeint, wird die Seele der Gnade der Erfüllung und Erleuchtung teilhaftig. In ihr erkennt sie Gott als die Quelle des Lebens, die Wurzel der Seele, den Urgrund des Seienden." ( Ja auf der Stufe der nicht gefallenen Satana, aber auch hier steht die Prüfung noch an, die : den persönlichen Gott in Jesus Christus zu erkennen)

Der Strahl des göttlichen Lichts, der immer in der Seele gegenwärtig ist, entfaltet in der Ekstase der Erleuchtung seine ganze Leuchtkraft, so daß die Seele ihrer Gottunmittelbarkeit bewußt wird.

Plotin schildert wiederholt, wie er selbst zur Erleuchtung und Erkenntnis seines wahren Wesens gelangte: "Oft, wenn ich aus dem Schlummer des Körpers zu mir selbst erwache und aus der Außenwelt heraustrete, um bei mir selbst Einkehr zu halten, schaue ich eine wunderbare Schönheit. Ich bin dann meiner Zugehörigkeit zu einer höheren Welt bewußt, wirke kräftig in mir das herrlichste Leben und bin mit der Gottheit eins (noch lange nicht!) geworden. In sie hineinversetzt, bin ich zu jener göttlichen Lebensenergie gelangt und habe mich über alles Geistige emporgeschwungen...

Steige ich dann nach dieser Ruhe im Schoße der Gottheit wieder herab zur Verstandestätigkeit, frage ich mich: Wie ist ein Zurücksinken aus jenem Zustand überhaupt möglich? Warum hat sich die Seele, die noch jetzt, wenn sie zu sich selbst kommt, an jenem göttlichen Zustand Anteil hat, überhaupt in den Körper hineingesenkt?"(Um Jesus auf dieser Erde zu helfen?)

Im Anfang der Erleuchtung schaut die zu sich selbst erwachende Seele mit geöffneten Geistesaugen die Wirklichkeit der göttlichen Welt im Lichte der inneren Sonne so, wie sie auf Erden mit den Körperaugen die äußeren Dinge im Lichte der Sonne wahrnimmt.

Aber im Fortschreiten der Erleuchtung werden, wie dargelegt, die schauende Seele und das angeschaute Göttliche eins, so daß die Seele von da an mit dem Auge Gottes schaut (nein, ihn persönlich muß sie erst finden). Da sieht der Gottentflammte, mit Plotins Worten, "nicht mehr zweierlei noch stellt er sich zweierlei vor, sondern er ist ein Anderer geworden: er ist heimgekehrt in Gott und mit ihm eins, wie die Mittelpunkte zweier Kreise in eins zusammenfallen".(Ist nur eine Wunschvorstellung, die Praxis fehlt, nämlich das Finden von Jesus. Sie befindet sich im Zustand der Engel, die aber noch zur Erde müssen, um auch in sich nur noch aus Jesus zu leben.)

Doch es bleibt unmöglich, die Erleuchtung so zu beschreiben, daß ein Unerleuchteter sie begreift.

"Wer sie erfahren hat, weiß, was ich rneine und wie die Seele ein anderes, höheres, unendliches Leben gewinnt, wenn sie sich Gott nähert und mit ihm eins wird...( Das Einswerden ist für die östlichen Meister nur ein Eingehen ins Nirwana, ein Eintauchen in das Meer Seiner göttlichen Weishheit, sie möchten  sogar ihr Ich verlieren )

Alles Irdisch- Vergängliche ist da von ihr abgefallen, weil sie nun ganz Gott zugehört. Sie sieht dann Gott und sich selbst in einem einzigen Licht als ein einiges Ganzes. Sie ist selbst Licht im Lichte Gottes geworden."(ohne Ihn zu kennen)

Was Plotin von der Erfahrung der Erleuchtung sagt, gleicht in allem dem, was unzählige Mystiker und Vollendete in Ost und West in den letzten fünftausend Jahren darüber ausgesagt haben. Um so überzeugender ist, was er uns über den Pfad der Erleuchtung zu sagen hat. (So spricht aber nicht Jesus Christus)

 

Der Pfad der Erleuchtung

 

Wiederholt betont Plotin, daß er von niemandem erwarte, daß er ihm auf sein Wort hin glaube, sondern daß er lediglich jedem bewußt machen wolle, daß er die gleiche Möglichkeit der Erleuchtung habe, da die Anlage dazu in jedem Wesen vorhanden sei. (Die zweite Anlage kennt er nicht: In jedem Menschen möchte auch Sein Liebegeist erweckt werden, der himmlische Vater selbst)

Mit Recht fügt er hinzu, daß es fruchtlos sei, von der Erleuchtung zu künden, ohne den Weg dorthin aufzuzeigen (für Platin nur der halbe Weg).

Unsere sehnende Hinwendung nach dem unvergänglichen Glück des inneren Lebens und unser Vertrauen zum Höchsten (wer ist es denn, ein unpersönlicher Gott?) machen das scheinbar Unmögliche möglich. Unsichtbare (Jesus ist der Demütigste) Hände strecken sich uns alsbald entgegen, um uns emporzuziehen zu den besonnten Höhen leidüberlegenen  Lebens.

Damit wir aber die Hände, die sich uns entgegenstrecken, auch ergreifen und von ihnen aufwärtsgeleitet werden, müssen wir uns, wie Plotin mahnt, vom Vergänglichen lösen. Wir müssen loslassen, was uns bisher stützte, und uns nur noch auf den Einen verlassen: den Gott in uns, einerlei, wohin er uns führt. (Ja nehmen wir diese Hände nur an, wollen wir aber nicht auch den erkennen, der sie ausstreckt? Ist Jesus nur der Sohn?)

Dies Wagnis der Hingabe des Vergänglichen um der Einswerdung mit dem Ewigen willen hat die Erfüllung (mit Seinem Weisheitslicht) zur Folge.

Wer die äußere Welt läßt, um die innere zu gewinnen, erringt beide und wirkt das Wunder, daß das innere und das äußere Leben sich zu einem einzigen Sein verbinden.

Mit der fortschreitenden Selbstbesinnung, Selbsterkenntnis und stufenweisen Selbstverwirklichung geht eine ständige Bewußtseinsweitung bis zu den einstweiligen Gipfeln kosmischer Bewußtheit, bis zur Innewerdung der Einheit von Selbst und AIIselbst einher.( Das Allselbst ist für Plotin unpersönlich, um die Christen hat er sich nicht gekümmert)

So gesehen bedeutet Einkehr Heimkehr: Heimkehr in den göttlichen Wesensgrund. Dabei wird offenbar, dass Gott nicht über der Welt ist oder 'jenseits der Sterne', wie auch der 'Himmel' und der göttliche Bereich nicht irgendwo im Kosmos oder 'außerhalb der Welt' sind: beide sind in der Welt als ihr Allerinnerstes. Und beide sind allgegenwärtig: sie sind hier und jetzt und ewig.

Jenseits der Pforte zum inneren Leben werden wir uns selbst Leuchte und Weg (Sein Licht sind wir nicht selbst! Sein Licht hat unsere Lichtseele geformt, das Licht unserer Seele ist ein Geschenk, leuchtet es allein?). Das ist alles, was sich vor der Pforte sagen läßt. Über das innere Leben (Wer ist allein das Leben?) zu reden, fruchtet wenig; man muß es sein (so sein wie Gott, ohne Ihn persönlich zu sehen?), das ist alles. Alsdann ist der Mensch nicht mehr bloß der verhüllende Schatten des Ewigen, des Einen. (Ja Er verhüllt sich, Plotin sieht seine Licht-Seele und das unendliche Licht-Meer mit ihrem Glanze, aber nicht den persönlichen Gott)

Doch ist hier einschränkend zu sagen, daß sich die Erleuchtung nicht absichtlich, von außen her, herbeiführen läßt, weder durch psychotechnische oder magische Mittel noch durch bestimmte Meditationspraktiken, wie Pseudo-Mystiker ihren Anhängern weismachen wollen. Wir können nur die Voraussetzungen für das Erleuchtetwerden schaffen; sein Kommen ist als Antwort Gottes auf das Sehnen der Seele ein Geschenk von oben.(Plotin sieht es als Geschenk, es ist aber nur ein halbes Geschenk)

Darum rät Plotin uns, "in Ruhe auf die Erleuchtung zu warten, wie wir in der Frühe auf den Aufgang der Sonne warten, die sich zur rechten Zeit über den Horizont erheben wird... Wann die Erleuchtung kommt, weiß man nicht, noch, woher sie kommt, ob von innen oder außen. Doch gibt es dann in Wirklichkeit kein Innen und Außen mehr, wenn man den Sprung ins Raum- und Gestaltlose, Unbedingte, Absolute getan hat - aus der Vielheit in die Einheit.“ Wie andere Mystiker lehrt Plotin den Stufenweg zur Erleuchtung und zum Einssein mit dem Einen (Unpersönlich). Dieser Weg beginnt mit der Beherrschung und Veredelung der irdischen Natur, mit der Übung im Maßhalten, in Selbstzucht und Standfestigkeit gegenüber den Lockungen der Sinne. Es folgt die Gewöhnung an Sammlung und Einwärtswendung zur Stille, zum Frieden und zur Freiheit des Geistes:

"Indem die Seele so der Freiheit immer näher kommt, bringt sie allmählich den göttlichen Teil ihres Wesens zum Leben. Um zur Vollkommenheit zu gelangen, muß sie den göttlichen Geist in sich schauen...(Er schaut nur das Licht)

Schließe deine Körperaugen, wende dich einwärts und öffne dich schweigend jener inneren Schau der Wirklichkeit, auf die du von Geburt an ein Anrecht hast. Ziehe dich gänzlich in dich selbst zurück und blicke auf dich selbst. Und wenn du dich dabei noch nicht so schön und gut fühlst, wie du sein möchtest, folge dem Beispiel des Bildhauers, der eine schöne Statue schaffen will: er schlägt das die Schönheit noch Verhüllende weg, macht die Umrisse reiner und feiner, bis ein strahlendes Bildnis entstanden ist...(Trifft nicht, denn Plotin erkennt nicht den persönlichen Gott, sondern erkennt nur seine Licht-Seele, sie meißelt er frei von den Schlacken)

So entferne du von deinem Selbstbildnis alles, was noch unvollkommen ist, was die innere Schönheit verbirgt (Ja, nur hieran arbeitet Plotin und die östlichen Meister, ist dies dem persönlichen Gott wohlgefällig? Da arbeitet der Schüler mit allen göttlichen Mitteln und sieht seinen Meister nicht?). Gib dir unablässig Mühe, so schön und gut und vollkommen wie möglich zu werden. Höre keinen Augenblick auf, an dir zu arbeiten, bis aus deinem Innersten der göttliche Reichtum hervorstrahlt und du ein vollkommener Tempel des göttlichen Selbst (ohne den zu kennen, der der Vater ist?) geworden bist. Ist das erreicht, kann nichts dich von der Einswerdung mit dem Göttlichen zurückhalten." (Einswerden ist hier nur das Lichtbildnis wie das der ungefallenen Satana, ist nur ein Aufgehen im Meer der Weisheitslichtes)

Am Beginn des Pfades der Erleuchtung geht es darum, alles von uns zu tun, was nicht unserem innersten Wesen zugehört, was nur Beilegung ist und an die Außenwelt bindet. Das ist gemeint mit der Forderung der Mysterienschulen, daß man "seine Kleider ablege". Plotin schließt sich dieser Forderung an. "Wenn der Mensch alles beiseite gelegt hat, was nicht von Gott ist, wird er in der Abgeschiedenheit seines Selbst die Einsamkeit des Unbedingten, ungeteilten EINEN erleben und das erkennen, von dem alle Dinge ausgingen und zu dem alles Sein zurückverlangt." (So spricht der Vater, aber die Lichtseele Plotins erkennt Ihn nicht)

Den Pfad der Erleuchtung betritt, wer sich dazu erzieht, immer weniger aus dem Körper und den Sinnen und immer bewußter aus dem Geiste zu leben und sich vom Geiste leiten zu lassen. Es ist ein Prozeß des Entwerdens, durch den man dem Da-Sein entwächst und sich ins Überseiende erhebt. Es ist ein stufenweises Sichlösen von allem, was der Ichheit zugehört. (Plotin beläßt es beim Ich und läßt sich im Niwana nicht auflösen)

Dazu bedarf es nach Plotin keiner Kasteiungen und keiner besonderen magischen oder transzendentalen Versenkungsübungen. Diese sind eher hinderlich und führen zu leicht auf Ab- und Irrwege und zu Pseudo- Visionen, zu Scheinerlebnissen. Plotins Weg nach innen ist ein Weg rechten Denkens, Lebens und Lassens, auf dem der Lichtwärtsstrebende auch keine fremde (die Hände führen aber zu keinem Gesicht) Führung und Hilfe benötigt: "Suche das Höchste nicht mit Hilfe eines anderen zu schauen, sonst wirst du bestenfalls nur eine Spur davon wahrnehmen, nicht das Höchste selbst. Suche dich vielmehr allein in der Stille des Innern gelassen lauschend für das Höchste aufgeschlossen und empfangsbereit zu halten."

Nur auf diesem Wege gelangt der Lichtsucher ( das trifft die Einstellung Plotins, er sucht nur das Licht) über die Stufen der Reinigung, Abgeschiedenheit und Selbstversenkung schließlich zur Erleuchtung und zur Einswerdung mit dem Einen.

Das griechische Wort myein (schließen, verschließen), das die Wurzel von 'Mystik' und 'Mysterien' bildet, weist auf das Schließen des Mundes, der Augen und der anderen Sinnestore nach außen hin, da erst danach das Sichöffnen nach innen möglich wird. Nur wer sich vom Außen abscheidet und löst, vermag sich über seine Ichheit zu erheben und zu sich selbst heimzukehren.(Ja nur zu sich selbst im göttlichen Weisheitslicht, das genügt aber für die helfenden Hände  nicht, der Vater möchte uns an Sein liebendes Herz drücken. Die helfenden Hände im nachstehenden Bild führen zum sichtbaren Vater)

"Alles Mühen dient diesem Zweck, damit einem nicht das höchste Erlebnis entgeht; denn wer dies versäumt, versäumt alles."

 

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Steht am Beginn des Pfades der Erleuchtung noch das Tun im Vordergrund, so geht es im weiteren um das Lassen. Auch die Sammlung nach innen ist nur anfangs ein Bemühen, die Gedanken zu beruhigen, zu konzentrieren, zu einen; im weiteren geht es um die Hingabe an die Ruhe und Stille des Innern.

Am Anfang bedeutet Sammlung und Beherrschung des Denkens, daß das unaufhörliche Dahinströmen der Gedanken über das Blickfeld des Bewußtseins zunächst für Augenblicke und nach und nach für die Dauer der Konzentration und Meditation stillgelegt wird. Im weiteren tritt dann ein völliges Lassen und Gelassensein ein. Und schließlich wird es so still, daß die lauschende Seele fähig wird, die Stimme der Stille zu vernehmen.

Diese Hingabe geht so weit, daß man von nichts Äußerem mehr abgelenkt werden kann, nichts mehr davon wahrnimmt und weiß, ja sich nicht einmal seiner selbst bewusst ist.

Die meisten Menschen kennen von sich selbst nur die Oberfläche - ihre Ichheit. Von der 'Unterfläche' - dem 'Es', dem Unbewußten - wissen sie zumeist nur aus ihren Träumen und Reaktionen. Von ihrem eigentlichen Selbst, ihrem Wesenszentrum, wissen sie fast nichts.

Weil sie sich scheuen, sich selbst auf den Grund zu gehen, sind ihnen die überbewußten Regionen, die kosmischen Tiefen und der göttliche Urgrund ihres Wesens unbewußt und unbekannt...

Manche sagen, sie hätten Selbstbewußtsein. In Wirklichkeit eignet ihnen jedoch nur ein schwächliches Ich-Bewußtsein, das von wacher Selbst-Bewußtheit weit entfernt ist.

Ihre Erfahrungen sind demnach überwiegend Oberflächen-Erfahrungen. Einige verfügen über Unterflächen-Erfahrungen durch traumhafte, mediale, ekstatische, visionäre, autohypnotische oder sonstige Berührungen mit dem Unbewußten.

Aber nur einzelne gelangten im Innewerden ihres Selbst und im Wachwerden für die dreifache Einheit mit sich selbst, mit dem Selbst anderer Wesen und mit dem göttlichen AIIselbst zu Tiefen-Erfahrungen.

Dazu gelangt man nur auf dem Innenwege zur Erleuchtung, der mit dem Alleinsein und der Sammlung beginnt und zum nächsten Schritt weiterführt: zur meditativen Selbstbesinnung: In ihr wird einem schrittweise bewußt, daß dieses Selbst nicht wie das Ich eine flüchtige, an die Grenzen von Geburt und Tod gebundene Erscheinung ist, sondern ein zeitloses Wesen, das seit je ist, zu alIen Zeiten lernend tätig war, aus unzähligen Verkörperungen einen Schatz an Erfahrungen und Weisheiten mitbringt und über einen  noch weit größeren Reichtum an noch unentfalteten Kräften und Fähigkeiten verfügt, der 'von oben' kommt und ihm unverlierbar innewohnt.

Dieses Selbst ist mehr als das Unbewußte und mehr auch als das Überbewußte. Es ist die letzte entscheidende, bestimmende, leitende, gottfähige Macht in uns. Es ist der feste Punkt, von dem aus wir uns von Grund auf zu verwandeln vermögen. Es ist der Quell aller positiven, edlen, höherführenden Potenzen, Strebungen, aller ethischen, geistigen und religiösen Erkenntnisse und Haltungen.

Dieses unser Selbst ist das Fundament unserer Einmaligkeit, der Bürge unserer Ganzheit, der Wurzelboden unseres Heilseins und Geborgenseins. Es gründet im göttlichen Urgrund. Das ist erfahrbar.

 

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Um uns in der meditativen Selbstbesinnung von unserer Ichheit zu lösen und unserer Selbstheit voll bewußt zu werden, ist es gut, uns nochmals die zentrale Stellung des Selbst gegenüber dem Ich vor Augen zu führen:

Kennzeichen des Ich sind Zwiespalt und Zweifel, Furcht und Sorge, Vorgehens- und Leidgebundenheit, Lebens- und Todesangst - aus Selbst- und Gottferne. Kennzeichen des Selbst sind Schicksalsbejahung, Leidüberlegenheit und Unvergänglichkeitsgewißheit, Freiheit und Allgeborgenheit - die in der Einheit mit dem Weltengeist (hat einen Namen) gründen.

Das Ich ist immer ein Getriebener. Das Selbst ist der unmerklich Vorantreibende, Steuernde, Führende. Soweit das Ich sich willig leiten läßt, wird aus leidvollern Getriebensein lichtes Bewußtsein jederzeitigen Geführtseins.

Das Ich ist irdisch-vergänglich, geboren, geworden und darum relativ. Das Selbst ist kosmisch-ewig, ungeboren (ungeboren ist nur Gott, Er hat uns ins Sein gestellt und wir sind in Seinem Liebelicht geboren worden), ungeworden, weil absolut (Nur Gott ist ungeworden und absolut, nicht seine Geschöpfe! Satana  als Sein Geschöpf hat diese anmaßende Stellung eingenommen und Plotin spricht insoweit ebenso, auch K.O. Schmidt erkennt dies nicht, weil die Kirchenfürsten ebenso reden und der Oberste sich Heiliger Vater nennen läßt). Darum lebt das Ich in den Tag hinein, während das Selbst über den Alltag hinaus wirkt- im Blick auf den All-Tag ewigen Seins.

Das Ich blickt auf das Entgegenstehende, Trennende, Scheidende, auf die Unterschiede - und scheitert darum so oft. Das Selbst weiß um das letztlich Entscheidende, weil Zusammenführende, und leitet zur Einheit. (Das Selbst ist hier nur der Gottesfunke)

Das Ich ist, wie wir bereits sahen, das Kreisende und der Umkreis, das Selbst der unbewegte Mittelpunkt des Kreises.(Die beiden Mittelpunkte in der Ellipse werden hier außer acht gelassen und dies führt zu falschen Schlüssen!) Denn das Ich ist das Gezeugte, nach außen hin sich Zeigende; das Selbst ist der Zeugende,(allein Gott, nur aus Ihm vermögen wir etwas hervorzurufen und Gott steht im ersten Mittelpunkt) der innere Genius, Zeuge und Zeiger Gottes.

Darum ist das Ich bedingt, gebunden, begrenzt, wandelbar, unfrei. Das Selbst weiß sich unbegrenzt, unbedingt, wandellos, frei. (Dies kann nur Gott von Sich sagen, nicht Seine Geschöpfe!)Von daher haben wir - tief innerlich, vom Selbst her - trotz aller Wandlungen der Ichheit von der Kindheit bis ins höchste Alter das Gefühl, daß unser innerstes Wesen sich unvernändert gleich bleibt und von äußeren Wandlungen nicht berührt wird. (Ja als wiedergeborene Geschöpfe leben wir in Seinem ewigen Reich und sind dann unsterblich)

Während das Ich früher oder später die Begrenztheit seiner Kräfte und Fähigkeiten erfährt, weiß das Selbst sich in seinen Begabungen und Möglichkeiten unbegrenzt und in einem Prozeß fortschreitender Selbstverwirklichung begriffen, an dessen Ende die Gottunmittelbarkeit steht. Jesus nennt uns als Seine Kinder dann Götter, die aber alles aus Ihm sind ).

 

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Deshalb geht es auf dem Weg nach innen, dem Pfad der Erleuchtung darum, daß das Selbst die Führung übernimmt. (daß der Seelenregent Jesus Selbst wird. - Nicht mehr ich lebe, sondern Jesus lebt in mir, spricht Paulus) Schon wenn das erst teilweise geschieht, erfahren wir, wie unser Bewußtsein sich weitet, unser Denken dynamisch, unsere Liebe immer umfassender wird, unsere schöpferischen Vermögen zunehmen. Wir erleben dann in wachsendem Maße, wie wir aus einer stetig steigenden Fülle von Einsichten, Erkenntnissen, Inspirationen und Intuitionen schöpfen, die um so reicher emporquellen, je freudiger wir aus diesem Schatz anderen schenken.

Schon auf den Anfangsstufen der Selbstwerdung wandelt und durchlichtet sich unser Leben und unsere Umwelt. Wir leben immer weniger aus den Sinnen und immer bewusster aus dem Geiste - aus dem Geiste der Einheit – und aus der Freiheit dessen, der sich mit dem Einen eins weiß. Das wiederum bedeutet bewußtere Sinnerfüllung des Lebens, die zugleich Erfüllung unseres Menschentums ist, unserer menschlichen Mitverantwortung für alles, was lebt und lichtwärts strebt.

Durch unser Selbst wissen wir uns allem Lebendigen tief innerlich verbunden und geeint. In der Hinwendung und Hingabe an unser Selbst wird aus bloßer Kommunikation - aus wechselseitigem Gedanken-, Informations- und Erkenntnisaustausch - lebendige Kommunion: jene geistige Gemeinschaft, die auf das Zusammenführende, Einende abzielt und zum Einssein weiterschreitet.

So ist Selbst-Erfahrung im letzten Einheits-Erfahrung, Selbstverwirklichung, dreifache Einheitsverwirklichung, also Erlangung der inneren Einheit und Ganzheit, im weiteren Innewerden der geistigen Einheit unseres Selbst mit dem Selbst jedes anderen Wesens und schließlich Verwirklichung unseres dynamischen Einsseins mit dem Einen.

In dieser unio mystica oder universellen Einswerdung tritt der innere Mensch in seiner Menschlichkeit und Gottverbundenheit hervor als bewußter Mitschöpfer und Mitwirker an der fortschreitenden Vergeistigung und Durchgottung bis zur universellen Gottunmittelbarkeit. (geschieht erst nach dem Erkennen, wer unser himmlischer Vater  ist und nach Seinem Regentwerden in unserer Seele!).

 

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Plotin zufolge gelangen wir auf diesem Weg nach innen zur göttlichen Schau ('theoria', im Gegensatz zur grauen Theorie, aus deren Netz der Verstandesmensch sich vergeblich zu befreien sucht).

Dieses 'Schauen' ist Erkennen im ursprünglichen Sinne des Wortes: zeugen (nur Er zeugt und wir nur aus Ihm), zeigen, Sichtbarmachen des Unsichtbaren. "Wir können das Unerkennbare erkennen, weil wir in unserem tiefsten Wesensgrunde selbst das Unerkennbare (zu hoch gegriffen)sind."

Nach Plotin gibt es zwei Arten der göttlichen Schau: die eine ist Ergebnis der Ekstase, mit der zumeist ein zeitweiser Verlust der Selbstkontrolle, ja Bewußtlosigkeit einhergeht. Solche Erfahrungen sind unwiederholbar, und die Aussagen darüber sind nicht einheitlich. Wir finden sie bei Yogis, Derwischen, Schamanen und vor allem bei zur Medialitat Neigenden.

Die zweite Art der göttlichen Schau ist Frucht kontemplativer Selbstbesinnung und Gotthingabe. Ihr Kennzeichen ist Ruhe, Gelassenheit und Bewußtheit beim Erleben. Sie übersteigt alles, was Autohypnose und Ekstase zu erreichen vermögen, weil sie bewußtes Innewerden des Wesentlichen ist, Vorstufe des Erwachens kosmischer Bewußtheit.(Kosmische Bewußtheit verliert sich im Meer Seiner Weisheit, besser ist die Bewußtheit im Gewißsein Seiner Gegenwart) Sie hat mit Geistererscheinungen und Engelsvisionen nichts zu tun. Die Mystiker warnen mit Recht davor, sich solchen Pseudo-Visionen zu öffnen, die vom Strom der Erleuchtung weg und in ein unentwirrbares Gestrüpp von Selbsttäuschungen und tranceartigen Visionen führen.

Im Gegensatz dazu bleibt der Mystiker auf dem Weg nach innen jederzeit seiner selbst bewußt, wie er auch bewusst aus der Schau in den Alltag zurückkehrt, bereichert um ein jedesmal vollkommeneres Wachsein für die Wirklichkeit und für die Schau des Göttlichen.

In dieser Wirklichkeitsschau erweist sich alles, auch das Übel, als gut, weil sichtbar gottdurchwaltet, wobei zugleich der trughafte Charakter der Sinnenwelt durchschaut wird.

In der göttlichen Schau wird der Erleuchtete "gleichsam ein Anderer und eins mit dem Göttlichen, Zentrum mit Zentrum verbunden..."(das sieht Plotin wohl nicht wie es tatsächlich aufgrund des Falles ist - jetzt Ellipse mit zwei Mittelpunkten)

Dies Aufflammen der Schau kommt zumeist so plötzlich, daß es die Seele mitreißt: als innere Lichtwerdung und als völlige Umwandlung und Durchgottung des ganzen Wesens: "Diese Einswerdung mit dem Einen ist viel inniger als jene, bei der das Denkende mit dem Gedachten Gleichheit erlangt. Sie erfolgt auf Grund der inneren Verwandtschaft, welche die Seele und das Eine miteinander verbindet. Körper können sich niemals mit anderen Körpern so vereinigen, daß nur noch einer da ist, weil sie sich nicht durchdringen lassen, aber das Unkörperliche eint sich völlig miteinander...

Nachdem die Seele einmal diese Einswerdung erfahren hat, wird sie dies Erlebnis um keinen Preis der Welt hergehen. Was immer sie sich früher wünschte, Ansehen, Macht, Reichtum, Schönheit, Wissen, das bedeutet ihr nun nichts mehr, weil sie etwas unendlich Höheres, Größeres, Erhabeneres und Vollkommeneres gefunden hat. Sie ist jetzt immer im Zustand der Heiterkeit und Glückseligkeit." (Ja so sind es die östlichen Meister auch, haben aber noch nicht die Stufe zum Liebeszentrum erreicht. - Siehe Yoganada: "Autobiographie eines Yogi"; Yoganada stand am Lebensabend kurz davor. Er erkannte bereits das Liebefeuer in Jesus)

Worin besteht diese Glückseligkeit des vom göttlichen Licht Erfüllten und Erleuchteten?

"Der dazu Gelangte ist hier selbst sein Gut und darum wunschfrei glücklich und selig. Was konnte er noch wünschen? Das Geringere lockt ihn nicht mehr, und mit dem Besten ist er vereint. Er ist sich selbst genug zur Glückseligkeit und zum Besitz des Guten. Er lebt nun - als Erleuchteter - bewußt in den Reichen ewigen Lichts, unerschöpflicher Fülle und höchster Einheit. Er hat die letzten Schranken übersprungen und ist in den Ursprung alIen Seins heimgekehrt."(genügt nicht!)

Zum inneren Licht und Leben erwacht, ist er ein lebendiger Teil der Schöpfung. Er gehört nun zur universalen Gemeinschaft der Erleuchteten, die hinter den Vorhang der Dinge sehen und im Auf und Ab des Geschehens den ewigen Strom des Lebens dahinfließen sehen. (Sie sehen eben noch nicht hinter den Vorhang der Dinge, sondern blicken nur in das Meer der göttlichen Weisheit, Gott ist noch nicht zu schauen, weil dies noch der Zustand des alten Bundes ist) Der Aufgang dieser Gewißheit ist wie die Entdeckung einer neuen Welt, die nicht die alte ist und sich doch an ihrer Stelle erstreckt. AIle Dinge sind zu lebendigen Spiegelbildern Gottes in uns geworden; wir atmen mit ihnen und sie in uns. Und mit jedem tieferen Atemzug kommt ein größeres Stück Himmel auf die Erde. Dem, in dem der Himmel - das innere Leben - erwachte, kann nichts geschehen. Sein Weg ist behütet. Denn wohin der Gott in uns blickt, ist alles gut.

Doch ist die Glückseligkeit der Erleuchtung, solange wir verkörpert sind, immer nur eine kurze Weile gegenwärtig, wenn sie sich auch auf dem weiteren Wege zur Vollendung immer mehr ausdehnt. Hierauf weist Plotins schon berührtes Wort:

"Warum bleibt der Mensch nicht in dieser Seligkeit? Weil er noch nicht gänzlich von hier ausgewandert ist, weil er noch an die Körperlichkeit gebunden ist. Doch kommt für ihn - und für jeden - die Zeit und der Zustand, da er dauernder Erleuchtung und Gottschau teilhaftig wird."

Bis dahin bleibt die nach der Erleuchtung unverlierbare Gewißheit ewigen Geborgenseins im Einssein mit dem Einen. Die Seele führt nun ihr Erdendasein in Gelassenheit weiter bis ans Ende im Gewißsein, daß sie, von der Stoffgebundenheit befreit, den Kreislauf der Wiederkehr überwunden hat...

 

*

 

Was Plotin dem Wahrheitssucher mit seiner Botschaft beglückend bewußt macht, ist dies:

Dein eigenes Weistum (nein, so spricht Satana) ist es, was du hier vernimmst. Nichts ist, das nicht als innerste Gewißheit in den Gottestiefen deiner Seele ruhte!

Nichts Besseres kannst du darum tun, als immer wieder in Stille und Abgeschiedenheit schweigend in das Meer deiner Seele hinabzutauchen - bis zum Urgrund deines Selbst (Gottesfunken), da unter Sternenwogen der AIlschatz deines Gottselbsterkennens ruht.

Niemand als du selbst  bestimmt die Sternstunde deiner Erleuchtung (nein, dies ist pur Gnade unseres himmlischen Vaters in Jesus Christus), deines Erwachens zur Sonne der Wahrheit. Du selbst mußt dich in den echolosen Hallen des inneren Tempels deinem Gott nahen und ihm dein Wollen wie dein Lassen weihen, um im Morgendämmer des Neuen Tages als Geweihter, Allgeweiteter und Weiser zu erwachen.

Die Zeit ist nahe, da Schleier um Schleier vor deinem inneren Auge zerflattert, der Gottesfunke im Seelengrund durch aIle Hüllen und Verhüllungen hindurchschimmert und sich deinem Innenauge aller Wesen strahlendes Kristallgefüge und die ganze Fülle der Gottheit offenbaren wird.

Dann wird dir deine Bestimmung gewiß, dich über alles Gewordene und Werdende hinaus- und aufzuschwingen zur Einheit des Urseins - zu aller Wesen und Welten Ursprung und Urmittelpunkt: in das flammende Allherz des EINEN.

 

Anmerkung:

 

 

Die Schauungen von Plotin erinnern eher an die östlicher Meister und das Eingehen in das göttliche Meer Seines Geistes. Für Ihn ist Gott unpersönlich. Plotin ist Ägypter. Sein Geist wird wohl noch mit dem Wissen der erleuchteten Ägypter erfüllt gewesen sein.

Was zu kurz kommt, ist die zweite Säule, die Jesus lehrt: Die Liebe zum Nächsten. Plotin hat sie aber gelebt.

Das Schauen von Hildegard von Bingen war konkreter:

 

Der Traum der Hildegard

 

Bei stiller Nacht lag ich, in Gott versunken, einst am Fenster meiner Klosterzelle, und blickte stier hinab zum Bingerloche, wo der Rhein sich rauschend über Felsen wälzt. Und als ich so der Menschen Sündenfall und der Erlösung Werke überdachte, ward der Sternenhimmel überzogen; schwarze Gewitterwolken lagerten sich schwer umher auf die Gebirge, und verfinsterten noch mehr den schauervollen Schlund.*) Die Winde bliesen gewaltig durch den Wald herab, die regen Wellen des dunkelgrünen Flusses schlugen schäumend über und an die Felsen, welche tief sich aus des Loches Grund erstreckten.

Nacht und Graus bedeckten Wasser und die Berge. Auf einmal öffneten sich fürchterlich die Wolken. Ein Schlag mit tausend Feuerzacken rollte am Klosterturm herab. Ich sank betäubt zur Erd und glaubte mich verschlungen. Doch plötzlich rollt ein neuer Schlag herab. Es war ein Stoßen und ein Krachen, wie von Donner, Hagel, Sturm und Wirbelwind, und allen grausenvollen Stößen der Natur hervorgebracht. Die Elemente schienen wild durcheinander umgetrieben, und abscheuliche Gestalten, Missgeburten und sieben Ungeheuer erblickte ich, vom Blitze grell beleuchtet, in dem Schlunde. Bei ihrem Anblick streckte mir die Angst die Haare; doch die schauervollen Bestien entschwanden meinem Auge, und ein Engel erschien jetzt, mit Strahlen rings umgeben, und öffnete der Himmelpforten eine mir; und jene Stimme, die, Posaunen gleich, zu vor ins Ohr mir schallte, rief mir, gleich einem süßen Harfenklange, zu: „Auf! Steig hieher, denn sehen soll dein Blick, was in der Folgezeit geschehen wird“ und sieh! Ein Thron stand da, und auf dem Thron saß eine Lichtgestalt, und der da saß war anzuschauen wie des Jaspis Glanz und wie des Sardix Strahl und um den Thron schlang glänzend rings ein Regenbogen sich, dem grünen Feuer des Smaragdes gleich. Und unterm Throne beugten sich im Kreis vier Wesen, voll von Augen überall. Das erste dieser Wesen glich dem Löwen; dem jungen Stiere war das andere gleich; das dritte trug ein Antlitz wie der Mensch; dem vierten ähnlich war der Aar im Schwung; stets riefen sie einstimmig zu dem Throne der Gottheit: Heilig! Heilig! Heilig ist  Jehova, Gott  der Allgewaltige!

Der war und ist und ewig bleiben wird. Hierauf trat eine heil`ge Stille ein, und von dem Thron hörte man die Stimme, wie viele Wässer rauschend, sprechen: „Auf! Und vernimm der Geheimnisse heiligstes, größtes: Geist des Weltalls bin Ich, Sein Anfang, Mittel und Ende, Alpha und Omega der Schöpfung und alles, was da  ist, und je gewesen und auch in künftigen Zeiten noch sein wird, ruhet in Mir, wie die Luft im weiten, unendlichen Äther, und kehrt auf Mein Wort zurück nach vollendetem Zeitraum. Nehm Ich den Odem hinweg und alles  zerfällt gleich dem Staube, hauch Ich den Odem aus, und er wird von neuem beseelt. Anfang und Ende der Welt, der Erscheinungen, Grund der Erhaltung, ihre Geburt, Auflösung, Tod und unsterbliches Leben, Aus- und Wiederkehr, der Dinge Sein und Verschwinden ruhet in Mir, und Allem geb ich Gestalten und Formen. Nichts ist größer, als Ich.

Wie die köstliche Perle an der Schnur hängt, hängen die Wesen an mir. Ich  gebe dem Wasser die Grenzen und der Erde Gewicht, und süße Gerüche den Kräutern, Raum dem Firmament, und Leben dem Reiche der Tiere, Unsterblichkeit und Vernunft den Engeln, Menschen und Geistern. Sonne und Mond erhält meine Hand im richtigen Zeitmaß. Rufe Ich der Finsternis: Und Nacht bedecket den Himmel, ruf ich dem Licht: Und die Sonne erhebt ihr glänzendes Antlitz. Ich bin selbst der Heilige Geist, der Spiegel des Weltalls, von den Naturen das Edelste stets, von allen Geschlechtern siehst du das Urbild in Mir; von den himmlischen Chören den Urton, und von den Worten das heiligste Wort, einsilbig und ewig, von Mir selbst das göttliche Bild, den ersten Gebornen siehst du in Mir und Alles im heiligen Geiste vereinigt. Hierauf erschien mir die herrliche Gestalt in ernster und heiliger Majestät, jedoch mit ruhigem und freundlichem Gesichte. Lichtweise Locken flossen ihr vom Scheitel und von dem Bart. Ein langes, glänzendes Gewand bedeckte flimmernd den erhab`nen Leib. Mit Ehrfurcht  und Entzücken staunte ich die unbegreifliche Erscheinung an; und siehe da, mir schien es fast, als wäre in der ehrwürdigen Gestalt noch eine andere verschmolzen und enthalten; denn ein junger und schöner Mann von dreißig Jahren trat aus ihr voll Glanz und Lieblichkeit hervor, auf seiner Brust, auf Hand und Füßen Wunden, wie fünf funkelnde Rubinen, tragend.

 

*)

Hier folgt im Originale die Beschreibung der sieben Ungeheuer in Gestalt und Gotteslästerungen, die scheußlichen Bilder der sieben Hauptsünden; des Geizes, des Neides, der Hoffart, der Unkeuschheit, der Völlerei, des  Zornes und der Trägheit vorstellend.

Ihre Visionen vom Jenseits hat sie in Gemälden festhalten lassen:

Mehr im Museum am Rhein in Bingen, nahe den Schiffsanlegestellen, in dem sich eine ständige Ausstellung mit dem Werk von Hildegard von Bingen befindet..

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 Oder diese Darstellung in einer früheren Ausstellung in einer Kirche von Görlitz über das Werk von Jakob Böhme:

 

Widmung

Was sagt Jesus heute?

Donnerstag, 5. November 2009 10:46 Uhr M  Der allmächtige Vater den Seinen

Ode "An die Freude"